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Res medica, res publica – 07.12.2015

Organkauf – Fair gehandelt?

Der Vorgang ist zehn Monate her, aber Ruth Rissing-van Saan, die Leiterin der Vertrauens­stelle Transplantationsmedizin bei der Bundesärztekammer, findet ihn noch immer empörend. Die pensionierte Vorsitzende Richterin am Bundesgerichtshof und Professorin der Rechte erinnerte jetzt vor Journalisten an den Fall „Willi Germund“.

Der deutsche Auslandskorrespondent, der für die Frankfurter Rundschau, den Kölner Stadt-Anzeiger und die Berliner Zeitung aus Asien berichtet, hatte Anfang des Jahres mit einem Buch Furore gemacht. Darin schildert er, wie er als Dialyse-Patient verzweifelt nach einem Organspender gesucht und schließlich einem jungen Afrikaner für 30 000 Dollar eine Niere abgekauft hatte, die ihm in Mexiko transplantiert wurde.

Was Rissing-van Saan zu Recht empört: Germund habe in einer ZDF-Talkshow „in lockerem Umgangston“ Werbung für sein Buch betreiben dürfen. Dabei sei Organhandel international geächtet und in Deutschland strafbar. Nach dem Transplantationsgesetz drohen nicht nur dem Organhändler bis zu fünf Jahren Freiheitsstrafe, sondern auch jedem, der verbotenerweise gehandelte Organe entnimmt, auf einen anderen Menschen überträgt oder sich übertragen lassen. Beim Organspender und beim Empfänger kann das Gericht von einer Bestrafung absehen.

Die Vertrauensstelle hatte bei zwei Staatsanwaltschaften Anzeige gegen den Journa­listen erstattet, es gab weitere Strafanzeigen. Germund wollte sich nach eigenen Worten auf das „Lotteriespiel“ der Warteliste nicht einlassen. Er bestreitet das Faktum nicht, dass er als reicher Europäer sich von einem ziemlich armen Afrikaner eine Niere gekauft hat. „Aber im Großen und Ganzen habe ich ein gutes Gewissen dabei“, sagte er Ende Januar im NDR. Für ihn sei es die Chance zu überleben gewesen, für den Organ­spender die Chance, sich eine neue Existenz aufzubauen. Die moralische Diskussion von Arm und Reich hält Germund für „ein bisschen scheinheilig“, weil Europa seit Jahrhunderten von der Ausbeutung der Dritten Welt lebe.

So verständlich solche Argumente aus der Sicht des ehemals Schwerstkranken, der nun seinen anstrengenden Beruf wieder ausüben kann, auch sind: Ein Handel, bei dem der Verkäufer aus materiellen Gründen ein Organ opfert und gesundheitliche Folgeschäden riskiert, kann nie fair sein – völlig unabhängig davon, wo und wie sich der Transfer zuträgt. Das müssen sich auch jene sagen lassen, die allen Ernstes daran denken, in Deutschland ein Regelwerk zu etablieren, um mit Geldprämien für Lebendorganspender das Aufkommen an dringend benötigten Organen zu vergrößern.

Nachwort eins: Im Januar/Februar des Jahres wurde über den Fall breit berichtet, über die Strafanzeigen dann nur noch vereinzelt, unter anderem auf aerzteblatt.de. Seither ist der Fall praktisch aus den Medien verschwunden. Weil ein Journalist der Hauptakteur ist?

Nachwort zwei: Inzwischen hat die Staatsanwaltschaft Aachen der Interessenge­meinschaft Nierenlebendspende e.V. mitgeteilt, die Ermittlungen wegen Organhandels gegen den Journalisten seien eingestellt worden. Der Beschuldigte habe angegeben, dass die Transplantation der Niere bereits am 29. September 2009 stattgefunden habe.

Da eine Verjährungsfrist von fünf Jahren gilt, ist die Tat nach Darstellung der Staatsanwaltschaft verjährt. „Die Einlassung des Beschuldigten war im Zuge der Ermittlungen nicht zu widerlegen“, heißt es zur Begründung. Denn weder aus dem Buch Germunds, noch aus seinen Fernseh-, oder Zeitungsinterviews ergäben sich sichere Anhaltspunkte darauf, wann die Transplantation stattgefunden haben könnte. Da Germund Ort und Klinik der Transplantation in Mexiko nie genannt hat, sah die Staatsanwaltschaft auch dort keine Ermittlungsansätze.

Bemerkenswert ist, dass der Brief der Staatsanwaltschaft über die Einstellung der Ermittlungen vom 27. November 2015 datiert. Am Vortag hatte die ehemalige Richtering Rissing van Saan vor der Presse an den Fall erinnert hatte.


Leserkommentare

Staphylococcus rex am Mittwoch, 9. Dezember 2015, 23:13
Verantwortung jenseits des Strafrechts
Ein Journalist ist mehr als nur eine Kamera, er gibt Geschehnisse mit seiner Sichtweise wieder. Dadurch hat er Einfluß auf die öffentliche Meinung, dadurch trägt er aber auch Verantwortung als Vorbild für Andere.

Herr Germund hat eine Entscheidung getroffen, eine Entscheidung für das eigene Leben und gegen moralische Prinzipien. Er sollte klug genug sein zu wissen, daß er in seinem Beruf nicht so tun könnte, als wäre nichts gewesen. Und selbst wenn er es selbst nicht wahrhaben will, die Chefredakteure mit denen er bisher zusammengearbeitet hat, die sollten es wissen und die Konsequenzen ziehen.

Ein Buch, mit dem der Organhandel salonfähig gemacht wird, ist aus meiner Sicht einfach sittenwidrig. Dieses Buch gehört eingestampft und die bisherigen Erlöse sollten den Opfern von Organhandel zur Verfügung gestellt werden. Eine derartige Geste wäre wahrhaftig "Fair Trade".

http://www.welt.de/vermischtes/weltgeschehen/article136879498/Geld-gegen-Niere-Wie-ich-mir-ein-Organ-kaufte.html


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