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Vom Arztdasein in Amerika – 23.11.2015

Druckmittel Rechtsanwalt

Mein Vater ist schwer krank und liegt seit Wochen stationär in einem Universitätsklinikum in Florida. Also nahm ich mir eine Woche frei und flog zu ihm und einigen meiner dort lebenden Geschwistern und Mutter. Die meiste Zeit saß ich an seinem Krankenbett.

Es ist schwierig, Arzt zu sein und der Therapie eines einem sehr nahestehenden Angehörigen zuzuschauen ohne sich einzumischen. Für mich wurde das unmöglich, als ich Zeuge eines sich täglich verschlechternden Gesundheitszustandes meines Vaters wurde. Ab dem zweiten Tag verlangte ich daher mit starkem und lautem Tonfall mehr Informationen, Mitspracherecht und Kommunikation.

Das geschah aber zu meinem Erstaunen nicht, und meine Ratschläge wurden gar missachtet – Antibiotika wurden bei für mich offensichtlicher Lungenentzündung erst mit Tagen Verspätung verabreicht, ein Nierenversagen nur unzureichend aufgearbeitet, und es gab ein verwirrendes Hin und Her zwischen Kardiologen und Herzchirurgen, bei dem ein Arzt eine Operationsnotwendigkeit gegeben sah, ein anderer es negierte. So wuchs Tag um Tag meine Frustration und damit auch meine Wut.

Dann spielte ich jene Karte, die in den USA oft sehr gut zieht, die juristische: Ich begann zu drohen. Erst als ich deutlich machte, dass meine Frustration Grenzen kenne und der Gang zum Rechtsanwalt immer wahrscheinlicher werde, änderte sich der Ton und die Transparenz.

Von da an, dem vierten Besuchstag, erhielt ich ohne Aufforderung Laborergebnisse, Zugang zu Medikamentenlisten und mehrmals täglich ausführliche Erläuterungen. Auch meine Mutter und Geschwister hatten nach meiner Abreise einen leichteren Zugang zu den Ärzten und viele der Ärzte baten meine Geschwister die Ergebnisse an mich weiterzuleiten.

Ich meine, dass diese Änderung im Ton auf meine ausgesprochene Drohung eines Rechtsstreites zurückzuführen war. Es ist eine starke Waffe im US-Gesundheitssystem. 


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