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Gesundheit – 09.10.2015

Warum Placebos (nur in den USA) immer besser wirken

Placebos haben vermutlich das breiteste Indikationsspektrum aller Medikamente. Besonders gut wirken sie bei Gesundheitsstörungen, an deren Entstehung das Gehirn beteiligt ist. Antidepressiva, Antipsychotika und Analgetika sind die besten Beispiele. Placebos wirken hier so gut, dass es für die Hersteller schwierig ist, eine bessere Wirkung ihrer Mittel zu beweisen. Diese Probleme haben sich in den letzten Jahren verschärft. Denn die Wirksamkeit von Placebos in klinischen Studien hat sich auf rätselhafte Weise verbessert, wie Jeffrey Mogil von der McGill Universität in Montreal jetzt in einer Studie zu Schmerzmitteln zeigen kann.

Der Forscher hat 84 Studien aus den Jahren 1990 bis 2013 ausgewertet. Während dieser Zeit ist die Wirkstärke von Placebos ständig gestiegen, obwohl sie weiterhin den gleichen Wirkstoff, nämlich keinen, in der identischen Dosis, nämlich Null enthalten. Heute müssen Hersteller damit rechnen, dass ein Placebo die Schmerzen um 30 Prozent lindert. Gleichzeitig ist der Unterschied zwischen Placebo und dem echten Wirkstoff immer geringer geworden. Wirkten Schmerzmittel 1996 noch zu 27 Prozent stärker, so sind es heute im Durchschnitt nur 9 Prozent. Damit steigt das Risiko für den Hersteller, dass seine Innovation in einer klinischen Studie durchfällt, obwohl sie eigentlich gut wirkt. Damit ein immer kleinerer Vorteil statistisch signifikant belegt werden kann, müssen die Hersteller die Dauer der Studien verlängern und die Zahl der Teilnehmer erhöhen.

Mogil hat noch ein weiteres rätselhaftes Phänomen entdeckt. Die Zunahme der Wirkstärke trat nur in Studien auf, die in den USA durchgeführt wurden. Die Gründe dafür liegen im Dunkeln, doch Mogil hat einige Vermutungen. Die Hersteller genießen in den USA große Freiheiten in der Werbung. Sie dürfen sich auch bei rezeptpflichtigen Medikamenten direkt an die Verbraucher wenden. Die Bevölkerung wird deshalb in den Medien ständig mit Berichten über neue Medikamente konfrontiert. Das erhöht dann in klinischen Studien die Zuversicht, dass das Mittel eine Wirkung erzielt – auch wenn es nur ein Placebo ist. Ein weiterer Grund könnte die Spezialisierung der klinischen Forschung sein. Die klinische Prüfung wird immer häufiger Spezialfirmen überlassen. Die Patienten werden intensiver betreut, was die Placebowirkung ebenfalls verstärkt.



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