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Res medica, res publica – 02.10.2015

Über rauchende Ossis und dürre Wessis

„Bild“ war mal wieder am schnellsten. Zwei Tage vor dem Jahrestag und den Feier­lichkeiten zu 25 Jahren deutsche Einheit ließ es uns wissen, was die 25 Dinge sind, die jeder in Deutschland mal gemacht haben sollte. Die Gratis-Sonderausgabe, verteilt an alle 42 Millionen Haushalte der Republik, enthält entsprechende Listen mit 25 deutschen Museen, Filmen und Hits. 25 Bücher auf Deutsch, die jeder gelesen haben sollte, hat Hellmuth Karasek ausgesucht, der die Veröffentlichung des Artikels leider nicht mehr erlebte. Das Thema Gesundheit findet man überraschenderweise nicht. So blieben uns „Bild“-Ranglisten wie „Die 25 fittesten Deutschen“ oder „Die 25 deutschen Ärzte, die jeder konsultiert haben sollte“ erspart.

Wer zum 3. Oktober nicht nur wohlgesetzte Politikerworte zur Lage der wiedervereinigten Nation sondern verlässliche Zahlen erfahren möchte, wird beim Statistischen Bundesamt fündig. Die Statistiker sahen keinen Grund, in ihrer Sonderveröffentlichung zum Jahrestag auf das Thema Gesundheit zu verzichten. Lobenswert auch, dass sie es in das Kapitel „Lebensqualität“ eingruppieren.

Einiges hat man schon mal gehört. Zum Beispiel, dass die Zahl der Krankenhausbetten (seit 1991 um ein Viertel auf rund 500 000) und die durchschnittliche Verweildauer im Krankenhaus (von 14 auf 7,5 Tage) gefallen ist bei gleichzeitig steigenden Patienten­zahlen. Am Jahresende 2013 waren 357.252 Ärztinnen und Ärzte in Deutschland tätig, 46 Prozent mehr als 1991.

Das liegt auch, wie das Statistische Bundesamt zu Recht schreibt, an der gestiegenen Zahl von Ärzten, die Teilzeit arbeiten. Die Ärztedichte (Zahl der Ärzte pro 100 000 Einwohner) ist in den östlichen Bundesländern auch deshalb überdurchschnittlich stark gestiegen, weil die neuen Länder (ohne Berlin) seit 1991 etwa zwei Millionen Einwohner verloren haben. Manche Krankenkassenvertreter ziehen daraus den (falschen) Schluss, es gebe hierzulande nicht zu wenig, sondern zu viele Ärzte.

Aus den folgenden Zahlen könnten Böswillige sogar neue Ost-West-Klischees ableiten. Denn die Statistiker haben sich ganz humorlos auch mit Gesundheitsrisiken wie Übergewicht und Rauchen befasst, Basis waren freiwillige Angaben im Mikrozensus. Das Ergebnis: In den ostdeutschen Flächenländern leben die meisten stark über­gewichtigen Erwachsenen. In Mecklenburg-Vorpommern sind es 20,6 Prozent, in Sachsen-Anhalt 20,2, in Thüringen 18,1 und in Sachsen 16,9 Prozent (gemäß Definition der Weltgesundheitsorganisation WHO gilt ein Body-Mass-Index von über 30 als starkes Übergewicht). Die „dicksten“ westdeutschen Länder sind Rheinland-Pfalz (17,1 Prozent), Nordrhein-Westfalen (16,2) und das Saarland (16,0). Wenn die Statistik stimmt, müssten die Hamburger am dünnsten sein, dort wohnen nur 11,1 Prozent Dicke. Das Besorgnis­erregende: In ganz Deutschland hat sich der Anteil stark Übergewichtiger an der erwachsenen Bevölkerung von 1999 bis 2013 deutlich erhöht.

Das Positive zum Schluss: Drei von vier Menschen über 15 Jahren, die in Deutschland leben, sind Nichtraucher. Der Anteil der regelmäßigen oder gelegentlichen Raucher hat sich von 1999 bis 2013 von 28,3 auf 24,5 Prozent vermindert, bei den Männern stärker als bei den Frauen. Aber immer noch rauchen mehr Männer als Frauen. Auch hier fallen Unterschiede zwischen Ost und West auf:  In der jungen Generation bis 35 Jahren gibt es in den ostdeutschen Flächenländern die meisten Raucher. Aber in Sachsen finden sich bundesweit am wenigsten Raucherinnen (16,6 Prozent). Berlin dagegen hat den höchsten Anteil rauchender Männer (34,4 Prozent).   



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