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Vom Arztdasein in Amerika – 07.10.2015

Genug Geld, aber Ärzte fehlen

Bekanntermaßen sind die USA ein sehr großes, zu einem Teil urban und eher dicht-, aber in weiten Teilen vor allem dünnbesiedeltes Land. Gerade in den ländlichen und wenig besiedelten Gegenden sind die Versorgungsgebiete der Krankenhäuser und Arztpraxen umfangreich, und Patienten müssen in manchen Fällen mehr als 100 km zurücklegen, ehe sie einen Arzt in seiner Praxis sehen können. Das bedeutet, dass Kosteneinsparungen im Gesundheitssystem vor allem die dichtbesiedelten Regionen an der Ost- und Westküste und die größeren Städte betreffen, aber viele Regionen und Kleinstädte im Landesinnern aus versorgungstechnischen Gründen von diesen ausgenommen sind.

Beispielsweise erhalten sogenannte „versorgungswichtige Krankenhäuser“ („critical-access hospitals“) eine überdurchschnittliche und großzügige Entgeltzahlung für ihre stationäre Versorgung, die von den in den letzten Jahren umgesetzten Reformen nur sehr wenig tangiert wurden und ähnliches trifft auch auf ländlich gelegene Arztpraxen zu. Dadurch ist man in diesen Regionen in der glücklichen Lage, ausreichend Geld für die medizinische Versorgung, Ausstattung und das Personal zu besitzen.

Deshalb erstaunt es nicht, dass auch im Jahr 2015, trotz vieler Reformen und Einsparungen, noch immer sehr viele Praxen und Krankenhäuser in den Kleinstädten des Mittleren Westens unverändert weiterbestehen und weiterhin großzügig ausge­stattet sind. Doch trotz ausreichender Ressourcen sind dennoch manche von der Schließung bedroht, denn es fehlt an Ärzten. Genaue Zahlen fehlen, aber der Mangel ist derart ausgeprägt, dass es diverse private ( http://minnesotaneedsdoctors.org/) und auch staatliche Initiativen (http://www.startribune.com/with-rural-minn-doctors-in-short-supply-lawmakers-weigh-more-incentives/293104531/) zur Ärzterekrutierung gibt; bisher mit nur wenig Erfolg.

Es will mir nicht so ganz einleuchten, wieso sich keine Ärzte für diese Einrichtungen finden lassen: Die Landschaft ist schön mit ihren Seen, Bächen und kleinen Flüssen inmitten der von diversen Eiszeiten geformten hügeligen Landschaft des Mittleren Westens, die örtliche Bevölkerung bodenständig und bescheiden, die Schulen gut, die Kriminalitätsraten und die Lebenshaltungskosten niedrig, die Bezahlung und Arbeitsbedingungen sehr gut. Aber solche Argumente scheinen wohl nur für eine Minderheit der Ärzte ausschlaggebend.

Besonders deutlich ist übrigens solch ein Arztmangel erfahrungsgemäß gerade in jenen Grenzregionen, in denen nur wenige Kilometer entfernt ein Bundesstaat mit niedrigerem Steuersatz liegt: So ist im Westen von Minnesota, also in der Nähe von Nord- und Süddakota, beides Bundesstaaten in denen der bundesstaatliche Steuersatz entweder niedrig (Norddakota) ist oder bei Null (Süddakota) liegt, der Arztmangel besonders eklatant. Städte wie Windom, Fulda, Pipestone, Worthington, Madison, Moorhead oder Montevideo können noch so hübsch sein, aber es zieht viele Ärzte, wenn sie nicht gerade private Gründe haben vor Ort zu wohnen, dann doch lieber wenige Kilometer weiter westwärts wo man jährlich sich 20.000 oder mehr US-Dollar an Steuern sparen kann.

Was also tun? Es wird bis zu 20 Prozent mehr Lohn geboten – das hilft nur zum Teil, weil in anderen ländlichen Gegenden in begehrteren und günstigeren Bundesstaaten wie Washington, Texas oder Florida ähnliche Angebote bestehen. Jungen Ärzten wird ein Teil ihrer Studiumsschulden jährlich in solchen Mangelgebieten erlassen – auch das ist nur teilwirksam aus ähnlichen Gründen.

Auch die Vergabe von unbeschränkten Aufenthaltsgenehmigungen („green card“) an ausländische Ärzte, wenn diese sich zwischen drei und fünf Jahre verpflichten, kann nur einen Teilbedarf abdecken, außerdem sind das oft nur temporäre Maßnahmen, denn viele der jungen, oft asiatischen oder afrikanischen Ärzte ziehen nach Ende dieser Frist dann doch lieber in Städte oder die beliebteren Gegenden der USA im Süden oder den Küstenregionen.

Es klingt paradox, aber viele dieser kleinen Städte haben ausreichend Geld und Ressourcen für ihre Krankenhäuser und Praxen, haben modernste Geräte und gut ausgebildetes Personal, aber es fehlt das, was am wichtigsten im Gesundheitssystem ist: Die Ärzte. 


Leserkommentare

Loewenherz am Dienstag, 13. Oktober 2015, 15:57
aber halt leider an dem, was vielen Ärzten heutzutage am wichtigsten ist:
Neben der immernoch aufwändigung Zulassung, gerade für Kollegen mit Berufserfahrung, Fachärzte, etc., mangelt es in den "rural areas" halt immer noch an einer Sache, die vielen Medizinern wichtig ist: Infrastruktur. Das bezieht sich einerseits auf kulturelles er/leben, zum anderen aber auch auf so banale Fragen wie: "findet meine Frau als Ingenieurin eigentlich auch einen guten Job?".
Leider mangelt es in "rural Areas"

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