16/23

PJane – 01.09.2015

Hope dies last oder: Wir sind lauter als ihr.

In einem meiner 3 Tertiale lerne ich ein tschetschenisches Mädchen mit seiner Mutter kennen.

Beide werden stationär aufgenommen, schnell stellt sich heraus: Das Mädchen leidet neben dem akuten Behandlungsanlass an einer posttraumatischen Belastungsstörung.  Telefonisch erfahren wir, lange sind sie noch nicht hier, 3 Wochen etwa. In der Aufnahme nehme ich ihr Blut ab. Ich bin ruhig, rede behutsam und doch: Nichts kann entschädigen dafür, dass ich kein Wort russisch, und sie kein Wort deutsch spricht. Dass ihr in diesem Moment niemand die Angst nehmen kann. Die Blutentnahme ist schnell vorbei und die Mutter sagt „danke“. Es ist neben „Hallo“ eines der wenigen Wörter, das sie anwenden kann. Sie weiß, wir wollen helfen, zumindest, was das akute Geschehen betrifft.  Bevor sie organisierte psychologische Hilfe in Anspruch nehmen kann, wird aufgrund des deutschen Asylrechts noch Zeit vergehen.

Ich sehe in ihre Augen, dankbar und gleichzeitig unendlich traurig, erschöpft. Die Tochter: 120 Zentimeter Leben, 7 Jahre alt.

Tschetschenien, ein Ort des Grauens. Nur annähernd können wir nachvollziehen, unter welchen Umständen Menschen dort (über)leben, welch tiefe Narben sich durch ihre Gesellschaft ziehen. Jetzt sind sie hier und unendlich dankbar - für alles. Für ihre kleine Wohnung, für medizinische Akutversorgung, für ein einfaches freundliches Wort, von dem sie nur den Klang verstehen.  Sie haben alles zurückgelassen - was muss passieren, damit Menschen das tun? Wir, die Rudel- und Gewohnheitstiere, die Wurzeln schlagen und Besitz erwirtschaften, seit Menschheitsgedenken?

Wenn man geht, dann heißt das auch: Es gibt keine Hoffnung mehr - dort.  Einzig und allein der Wunsch: Dass es sie hier gibt.

Wir, ich, könnte(n) noch viel mehr tun. Irgendwo müssen wir anfangen und dazu zählt: präsent sein. Etwas sagen. An all die Menschen, die meinen, sie müssten pauschal verurteilen. Sie sind in der Minderheit und dennoch: Am lautesten brüllen die Dummen.

Ihr, die ihr nicht kapiert habt, was passiert sein muss, damit Menschen alles zurücklassen.

Ihr, die ihnen nicht in die Augen gesehen, ihren Schmerz nicht gefühlt habt.

Ihr, die ihr in einem Land ohne Krieg lebt und vermessen denkt, ihr hättet ein Anrecht auf etwas, was in Wahrheit einfach nur Losglück ist.

Ihr seid die, die über kürzlich geflüchtete Menschen sagen, „die könn’ ja noch nicht Mal deutsch.“

Ihr seid die, die grölen „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen...“

Ihr kapiert nicht, dass ihr keine rationalen Bedenken äußert.

Ihr erkennt nicht an, dass es trotz natürlich erheblicher Probleme, die wir mit der Einwanderung lösen müssen, gleichzeitig selbstverständlich unsere Pflicht ist, Menschen aus diesen Gebieten nicht zu ignorieren.

Ihr merkt nicht, dass ihr keine Kritik an einer mangelnden Organisation der Flüchtlingsströme äußert, die jeder frei ist vorzutragen, nein.

Was ihr sagt und wie ihr es sagt, das entbehrt jeder Vernunft.

Es ist mir egal, ob ihr Neonazis seid oder Familien, die ihre wahrlich bedauernswerten Kinder mit zu menschenfeindlichen Demonstrationen schleppen - „Wutbürger“.

Ihr seid keine Wutbürger. Ihr seid gefährliche Demagogen.

Für euch haben wir- die Mehrheit - kein Mü Verständnis.

Wenn uns der Gedanke packt, wir könnten mehr tun, wo immer wir den Flüchtlingen begegnen, dann können wir hoffentlich wenigstens sagen: Wir erheben unsere Stimme. Damit wir lauter sind als ihr. Damit die Hoffnung auf einen Neuanfang nicht stirbt. Denn Hoffnung ist die beste Therapie - das wissen wir, ob Arzt, ob Laie, schließlich alle.


Leserkommentare

PJane am Freitag, 4. September 2015, 20:23
Fehlerteufel
@ajoedecke Vielen Dank für den Hinweis, die Redaktion wird am Montag sicherlich gerne das "at" herausnehmen- dann sollte es stimmen :)
Hans Peter Boden am Mittwoch, 2. September 2015, 18:01
Empathie ist gefragt!
Die Zeilen sprechen mir aus der Seele. Das Bunkerleben und Ausbombung der Wohnung im Krieg noch selber erlebt, aber mit viel Glück bzw. Beistand von ganz oben alles gesund überlebt, Eltern und Geschwister ebenfalls. Nach Wiederaufbau, Arztberuf und grosser gesunder Familie alles zu schnell vergessen. Aber in die Wirklichkeit und zum eigentlichen Sinn und Kern des Lebens durch all die täglich auf uns einstürmenden Ereignisse wieder zurück geworfen! Gott sei es gedankt! Helfen, wo immer möglich muss die Devise sein!
ajoedecke am Mittwoch, 2. September 2015, 17:14
Hope dies last - die Hoffnung stirbt noch lange nicht
Der Artikel spricht mir aus der Seele. Vielen Dank für die deutlichen Worte! - Leider lautet die Überschrift auf Deutsch: "Endlich stirbt die Hoffnung"... So war das doch sicher nicht gemeint, oder??!


Bookmark-Service:
16/23
PJane
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika