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Das lange Warten – 10.08.2015

Ein Tag auf der Dialysestation

Freitag, 13 Uhr: Paul Behrend wird zur Dialyse abgeholt. Wegen seines Schlaganfalls lässt er sich von einem Krankentransport fahren. Mit dem Taxi sei es noch etwas schwierig, weil er Hilfe beim Gehen benötige, meint Behrend. Der Transport wird von seinem Dialysezentrum organisiert und von der Krankenkasse bezahlt.

13.30 Uhr: Zunächst wird Paul Behrend gewogen. „Wir haben eine Checkkarte mit unseren Standardwerten. Die Maschine entzieht das, was man zugenommen hat, also das überschüssige Körperwasser plus 500 Gramm.“ An diesem Freitag müssen Behrend vier Kilogramm entzogen werden. Das sei eigentlich zu viel, räumt Behrend ein. Er dürfte nämlich in der Regel nicht mehr als  750 Millimeter pro Tag trinken. Das schaffe er aber nicht immer. Vor allem an heißen Tagen falle es schwer, mit so wenig Flüssigkeit auszu­kommen. Außerdem müssten ja auch Nahrungsmittel, wie beispielsweise Äpfel, mitge­rechnet werden.

Anschließend kommt die Nephrologin zur Visite. Zu ihr hat Behrend im Laufe seiner langjährigen Dialysezeit ein sehr gutes Vertrauensverhältnis aufgebaut. „Wenn ich auf jemanden höre, dann auf sie“, betont er. Nach der Messung von Blutdruck und Puls sowie der Desinfektion des Arms wird der Dialysezugang punktiert. Durch einen soge­nannten Dialyseshunt, einer operativ angelegten Verbindung zwischen einer Arterie und einer Vene, ist der Anschluss an das Dialysegerät schnell und unkompliziert möglich.

Behrend berichtet, dass nach der Explantation seiner noch vorhandenen Niere, bei der er einen Schlaganfall erlitten hatte, sein Blutdruck häufig extrem niedrig gewesen sei. Jetzt sei er aber wieder richtig eingestellt. „Außer einem Betablocker komme ich vollkommen ohne Medikamente zurecht.“ Auch an diesem Freitag zeigt der Monitor keine besorgniserregenden Werte.

14:30 Uhr: Die Patienten können sich auf vielerlei Weise beschäftigen. Das Dialysezentrum, in dem Behrend behandelt wird, verfügt über 33 Dialyseplätze, die mit Liegen oder verstellbaren Krankenbetten ausgestattet sind. Für eine entspannte Atmosphäre sorgen die von viel Tageslicht durchfluteten Räume. Außerdem hat jeder Patient über Kopfhörer die Möglichkeit, individuell zwischen Radio, Fernsehen und Video auszuwählen.

Jeweils zwei Patienten teilen sich einen Fernsehanschluss. „Mit meinem Nachbarn ist das glücklicherweise kein Problem. Zumal das Nachmittagsprogramm sowieso häufig nicht meinen Geschmack trifft.“ Behrend hat schließlich auch andere Möglichkeiten, sich zu beschäftigen. Er kann beispielsweise im Internet surfen oder einfach ein Buch lesen. Selbstverständlich besteht außerdem die Möglichkeit, Besuch zu empfangen. An diesem Freitag muss man sich allerdings mit gedämpfter Stimme unterhalten, weil die meisten Patienten schlafen. Und genau das gelingt Behrend während der Dialyse nach wie vor nicht.

Viele seiner Mitpatienten seien eben auch erheblich älter als er und hätten außerdem zahlreiche Begleiterkrankungen, was sich auf ihren Allgemeinzustand auswirke. Die etwas fitteren, oft auch jüngeren und noch berufstätigen Dialysepatienten würde man dann eher in der Nachtdialyse antreffen, die Behrend selbst ebenfalls jahrelang bevorzugt hatte. „Meine Menschenkenntnis habe ich jedenfalls im Laufe meiner jahrelangen Dialyse enorm erweitert. Meine Mitpatienten war jung, alt, teilweise multimorbide oder dement. Die jungen Patienten sind dann meistens irgendwann nicht mehr wiedergekommen, weil sie transplantiert wurden“, erzählt Behrend.

Währenddessen gelangt sein Blut durch ein System von Schläuchen in das Dialysegerät. Dort werden die Giftstoffe und die überflüssige Körperflüssigkeit entnommen und durch Elektrolyte wieder ausgeglichen. Über den Shunt gelangt das Blut anschließend wieder zurück in den Körper.

Während der Dialyse werden Behrend und seine Mitpatienten engmaschig kontrolliert. Auf dem Monitor werden Statistiken (Wie viel Flüssigkeit wurde entnommen? Wie viel Flüssigkeit muss noch entnommen werden?), die Grundeinstellung der Maschine, der Blutdruck und die Restlaufzeit angegeben. Falls etwas nicht im Normbereich ist, gibt der Computer Alarm. Das sei auch bei ihm schon der Fall gewesen, meint Behrend. So kann es beispielsweise vorkommen, dass man während einer Dialyse bewusstlos wird.  Es gibt viele Gründe dafür, meistens handelt es sich um Blutdruckabfälle. Ein Blutdruckabfall kann durch zu viel Flüssigkeitsentzug entstehen.

18.30 Uhr: Es werden Vorbereitungen zum Beenden der Behandlung getroffen. Wer, wie Behrend, über einen Schlauchzugang am Arm verfügt, kann diesen selber nach Entfernen der Nadeln abdrücken. Behrend: „Das ist ganz wichtig, weil es ansonsten zu starken Blutungen kommt.“ Das Problem daran ist: Das Abdrücken kann extrem lang, manchmal länger als eine halbe Stunde dauern. Eine Hilfe sind dann die sogenannten Abdrückbänder. Behrend drückt jeweils immer abwechselnd seine Vene beziehungsweise Arterie selbst ab. Abschließend werden nochmals der Blutdruck und das Gewicht kontrolliert.

19 Uhr: Der Fahrdienst holt Behrend für die Heimfahrt ab.


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