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Vom Arztdasein in Amerika – 23.06.2015

Brutales Amerika

So eben hatte ich eine Patientin wegen eines Gichtanfalles aufgenommen, erfolgreich mit einfachen Schmerzmedikamenten und Colchicin behandelt und wieder entlassen, als mich der Notaufnahmearzt anrief und um Hilfe bat – ich solle doch bitte schnellstmöglich in den Operationssaal 3 kommen und dort bei der Wiederbelebung eines jungen Mannes helfen.

Zum Verständnis: In kleinen Landkrankenhäusern sind die Ärzte der Notaufnahme oft verantwortlich für Wiederbelebungsmaßnahmen, auch wenn zum Beispiel ich als Internist ebenfalls für diese Funktion ausgebildet worden bin. Wenn also ein Patient schwer krank ist und dann reanimationspflichtig wird, man also im wahrsten Sinne des Wortes für das Leben des Patienten mit Herzmassage und diversen Medikamenten und Interventionen kämpft, wird der Notaufnahmearzt in den meisten Fällen als erster gerufen, selbst wenn der Patient vom Internisten oder vom Chirurgen hauptbetreut wird, denn dieser ist qua seiner dreijährigen fachärztlichen Weiterbildung und seiner täglichen Erfahrung am besten geeignet einen Patienten zu reanimieren, zu stabilisieren und dann zur entsprechenden Instanz zu verlegen.

Ist der Fall komplex, kann der Arzt weitere Kollegen hinzurufen und da es sich in diesem Fall um einen jungen Mann, kaum erwachsen geworden, handelte, er eine Herzmassage brauchte und nicht sofort auf die Reanimationstherapie ansprach, wollte man möglichst viel Verstärkung haben. So kam ich dann also hinzu und am Ende waren die einzigen vier Ärzte des gesamten Krankenhauses im Operationssaal zur späten Abendzeit versammelt, alle gemeinsam arbeitend. Übrigens waren knapp 70% des gesamten Krankenhauspersonals im Operationssaal, denn es war eine dramatische Situation, die maximale Ressourcen benötigte.

Ich trat also in den mittlerweile nicht mehr sterilen Operationssaal ein, verschaffte mir kurz den Überblick durch Rücksprache mit den Ärzten: Der junge Mann in der Mitte des Saales, beatmet und mit halboffenem Bauchsitus, über und über bedeckt mit Tätowierungen und drahtig-athletisch, war im Rahmen eines Streites mit einem Messer mehrmals angegriffen worden. Er hatte unter anderem eine tiefe Stichwunde in der Bauchhöhle. Erst hatte er einen einem halben Tag gewartete, dann aber angesichts massiver Bauchschmerzen in die Notaufnahme gekommen.

Nach der notwendigen Diagnostik war der Mann zügig zum Operationssaal gebracht und die Operation begonnen worden als er in die Asystolie, also die Herzschlaglosigkeit, übergegangen war. Was dann folgte war naturgemäß dramatisch: Die Operation wurde abgebrochen, die Wunde mit Tüchern zugedeckt, und die Reanimation begann.

Schnell wurde klar, dass es sich hier wohl um einen hämorrhagischen und septischen Schock handelte und entsprechend fielen die Anweisungen: Bluttransfusion, Flüssigkeitsgabe in höchsten Mengen, Noradrenalin-, Kalziumchlorid-, Bikarbonatgabe, um nur einige der vielen Anweisungen wiederzugeben. Ich machte immer wieder Bilder mit meinem tragbaren Ultraschall vom Herzen (kein Erguß, gute Kontraktionen, normaler rechter Ventrikel usf.), von den Lungen (neben obligaten Röntgenbildern und Rücksprache mit dem Radiologen aus dem weit entfernten Fargo in Norddakota), von der Vena Cava Inferior, von der Bauchhöhle et cetera.

Mal schien es, als würden wir gewinnen, stabilisierten seinen Herzschlag, um dann wieder diesen schwächer werden zu spüren und dann zu verlieren. Der Verlegungs­hubschrauber mit seinem Personal kam angeflogen zur Verstärkung und –legung in ein Traumakrankenhaus, aber der Patient war zu instabil für den Transport und nach zweieinhalb Stunden härtester Arbeit mußten wir aufgeben. Mir fiel die undankbare Aufgabe zu, die Reanimation für beendet und den Patienten für tot zu erklären, wie mein Ultraschall auch bestätigte.

Wenig überraschend war diese Nachricht schockierend für die Familie. Sie wurde nicht nur laut in ihrer Trauer, sondern auch tätlich und Sicherheitskräfte und Polizei mussten zum Schutz des Personals gerufen werden.

Nicht nur Kapitalismus, Reichtum, McDonalds und Mickey Mouse sind die USA, sondern auch solch ein Leben und rauher Umgang miteinander: Viele tragen eine Waffe, und es wird manchmal geschossen und gestochen als sei man noch im Wilden Westen. Natürlich kennt man solche Dinge auch von prekären Orten in Deutschland, vor allem Großstädten mit ihrer heterogenen Bevölkerungsstruktur, aber nicht in diesem hohen Maße wie den USA und da wirken selbst vermeintliche Gangsterrapper wie Waisenknaben.

Die Statistik spiegelt diese Agressivität auch wieder: In den USA sterben mehr Menschen am Mord beziehungsweise Totschlag als am Selbstmord in der Alterskohorte 15-24 Jahre: knapp 8.500 Menschen pro Jahr http://www.cdc.gov/injury/overview/data.html, während in der EU diese Todesart erst unter ferner liefen folgt mit ihren 500 Todesfällen (http://www.uni-mannheim.de/edz/pdf/statinf/01/KS-NK-01-011-DE-I-DE.pdf, etwas veraltete Zahlen).

Es ist auch nicht das erste Mal, dass ich einen jungen Menschen aufgrund solch eines tätlichen Angriffes sterben sah, es ist leider eine Frage der Zeit und Statistik bis sich das wohl wieder wiederholen wird. Brutales Amerika.


Leserkommentare

vital am Dienstag, 23. Juni 2015, 20:44
3 Jahre?
Dauert die FA-Ausbildung zum Internisten wirklich nur 3 Jahre? GIbt es auch eine Subspezialisierung (Kardiologie/Endokrinologie etc.). Gilt das auch für die anderen Fächer? Falls ja, reicht das wirklich aus?

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