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Vom Arztdasein in Amerika – 31.07.2015

Ausländische Ärzte in den USA, Teil II

Aus Sicht von US-Krankenhäusern und –Praxen, die in Gegenden liegen, in denen es einen Arztmangel gibt und die somit als medizinisch unterversorgt gelten, sind die ausländischen Ärzte ein wahrer Segen. Diese haben zwar außerhalb der USA studiert und zum Teil ärztlich gearbeitet, haben aber ein amerikanisches mehrjähriges fachärztliches Weiterbildungsprogramm durchlaufen und sind somit vom Kenntnisstand her den regulären US-Ärzten ebenbürtig. Doch trotz dieser scheinbaren Gleichheit sind es eben oft genau diese ausländischen Ärzte, die in unterversorgten Regionen der USA tätig sind – woher kommt das?

Das alles hat meistens seinen Ursprung im Arbeitsvisum, das der Arzt erhält – welches oft ein sogenanntes J-Visum ist. Man muss wissen, dass US-Visa nach Buchstaben eingeteilt werden und das J-Visum als „Nichtimmigrationsvisum“ nicht sonderlich beliebt bei seinem Besitzer ist, weil es zwar dem Inhaber die Erlaubnis erteilt, für eine begrenzte Zeit in den USA arbeiten und somit seine fachärztliche Ausbildung durchlaufen zu dürfen, er dann aber juristisch wieder in seine Heimat für einige Jahre zurückkehren muss.

Das würde natürlich bedeuten, dass die ausländischen, also zum Beispiel die indischen, chinesischen oder auch schwedischen (von denen es übrigens nur sehr wenige gibt) Ärzte nach Ablauf ihrer Ausbildung ihre Koffer packen müssten und obwohl ihre Kinder mittlerweile in US-Schulen integriert sind. Und das trotz der harten Arbeit während seiner Ausbildung, Viele ausländische Ärzte wollen das verständlicherweise nicht und suchen nach einem Ausweg.

Diesen gibt es auch: Man lässt sich in einer unterversorgten Region der USA für drei (woraus manchmal aufgrund von Bürokratiewartezeiten auch vier oder fünf Jahre werden können) Jahre verpflichten und arbeitet dort als als Arzt. Das ist zwar nicht unbedingt das Traumziel eines Arztes, aber erscheint den meisten besser als ein Rückzug in ihre Heimat.

So trifft man häufig in armen Gegenden wie Alabama, Wyoming oder auch in kalifornischen Regionen, in denen vor allem illegale Immigranten wohnen, ein meistens aus Asien oder Afrika stammender Arzt, der dort seit einigen Jahren tätig ist. Oft kann man dann davon ausgehen, dass dieser seine „J-Verzichtsperiode“ („J waiver period“) ableistet und deshalb für einige Jahre dort festsitzt, ehe er dann die dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung, die „Grüne Karte“, erhält.

Übrigens bleiben manche der ausländischen Ärzte dann in jenen Gemeinden hängen, werden zu US-Bürgern und Teil der örtlichen Stadtgemeinschaft, während andere nach Ablauf ihrer Frist kündigen und dorthin gehen wo es sie hinzieht (meistens größere Metropolenregionen).

Die Vorteile für die Krankenhäuser und Praxen liegen klar auf der Hand: Sie können längere Arbeitszeiten und eine höhere Arbeitsdichte bei oft niedrigeren Löhnen einfordern. Denn wenn der ausländische Arzt während dieses mehrjährigen J-Visumverzichtszeitraumes kündigt (oder ihm gekündigt wird), so verliert er nicht nur sein Einkommen, sondern auch sein Visum und muss entweder innerhalb von wenigen Wochen einen anderen Arbeitgeber in einer unterversorgten Region finden oder in seine Heimat zurückkehren.  

So kommt es beispielsweise im Bundesstaat Minnesota vor, dass in der begehrten Millionenmetropole Minneapolis ein internistischer Hausarzt ein Jahresgehalt von 170.000 US-Dollar erhält, in der mit Ärzten gut versorgten und ebenfalls beliebten (aber nicht ganz so beliebt wie Minneapolis) Großstadt Duluth ein Jahresgehalt von 200.000 US-Dollar, aber in einer der vielen unbeliebten und unterversorgten Kleinstädten nur ein Jahresgehalt von 160.000 US-Dollar bezahlt wird, obwohl man dort oft mehr arbeitet und weniger Freizeitmöglichkeiten hat.

Natürlich sind viele der angestellten Ärzte in diesen Kleinstädten Ausländer und ohne Zustrom ausländischer Ärzte wäre solch ein System wohl nicht tragbar. Übrigens scheint dieses Phänomen nicht ausschließlich auf die USA begrenzt, wie mir Bekannte aus Deutschland und einigen anderen europäischen Ländern erzählen.


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