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Gesundheit – 08.06.2015

Plazentophagie: Mode ohne belegte Wirkung

Der Verzehr der Plazenta nach der Geburt durch die Mutter, wie sie zuletzt von US-Promi Kourtney Kardashian propagiert wurde – allerdings nicht gekocht oder roh, sondern in Arzneikapseln verpackt – hat keinen nachgewiesenen medizinischen Nutzen. Zu diesem Ergebnis kommt Cynthia Coyle von der Feinberg School of Medicine in Chicago in einer Literatur-Recherche, die sich allerdings nur auf zehn Artikel stützen kann. Für die von den Zelebritäten beanspruchten Indikationen wie Prävention einer postpartalen Depression oder Schmerzlinderung gibt es laut Coole keine Belege. Auch die Frage, ob der Verzehr der Plazenta Gefahren für die Gesundheit birgt, ist bislang nicht untersucht worden.

Eine Nutzen-Risiko-Abschätzung ist deshalb nicht möglich. Die Anhänger der Plazentophagie wird dies ohnehin nicht interessieren. Sie berufen sich auf Beobachtungen bei anderen Säugetieren, wo der Verzehr von Teilen der Nachgeburt durchaus üblich ist. Ihrer Ansicht nach enthält die Plazenta zahlreiche Hormone und Nährstoffe, die doch irgendwie einen Nutzen haben müssten.

Die aktuelle Mode ist in den 1970er Jahren in Kalifornien entstanden, erst in den letzten Jahren wurde sie von „Promis“ aufgenommen, die allerdings durch ihre Postings in den sozialen Netzwerken eine Breitenwirkung erzielen können. Die Idee, die Plazenta zu verzehren, dürfte allerdings nicht allen Fans schmecken. Bei vielen stößt die Plazentophagie auf Ablehnung und Entsetzen, wenn sie nicht sogar zum Ruf nach Strafverfolgung führt (in England in einem Fall wegen Kannibalismus).

Ganz so fremdartig, wie sie vielen Menschen erscheint, ist die Plazentophagie übrigens nicht. Noch in den 1980er Jahren wurden in Deutschland mit Hormocenta und Placentubex C Plazenta-Präparate verkauft - allerdings nicht zum Verzehr sondern als Hautcreme. Auch die Medizingeschichte kennt zahlreiche Rezepte.



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