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Gesundheit – 22.05.2015

WHO fordert neutrale Bezeichnung für Krankheiten

Früher war es eine große Ehre für einen Forscher, wenn eine Krankheit nach ihm benannt wurde. Menschen mit ungewöhnlichen Nachnahmen wie Creutzfeldt wurden vielleicht nach prominenten Vorfahren befragt. Heute ist vielen Menschen nicht einmal bewusst, dass viele Krankheiten nach dem Erstbeschreiber benannt werden. Die zufällige Entsprechung des Nachnamens mit einer Krankheit wird da leicht als diskriminierend empfunden.

Auch geographische Bezeichnungen könnten negative Auswirkungen haben. Zwar ist nicht anzunehmen, dass die Bezeichnung spanische Grippe den Tourismus auf der iberischen Halbinsel beeinträchtigt. Doch für den Ort Lyme mag dies schon etwas anders sein. Zecken gibt es überall. Es dürfte aber nicht wenige Urlauber geben, die instinktiv einen Bogen um den kleinen Ort in Connecticut machen. Das Angebot einer Flussfahrt auf dem Ebola-Fluss im Kongo dürfte derzeit auch unter Abenteuerurlaubern keine Chance haben, auch wenn der Urlaub dort nicht gefährlicher wäre as auf anderen Flüssen im afrikanischen Regenwald.

Diskriminierend ist auch die Benennung von Krankheiten nach Bevölkerungsgruppen oder Patientengruppen. Nicht wenige Engländer und Amerikaner dürften German Measles mit einer besondern Anfälligkeit der deutschen Bevölkerung mit Masern in Verbindung bringen und nicht damit, dass die Erstbeschreiber der Röteln aus diesem Land kommen. Die erworbene Immunschwäche Aids wäre Anfang der 80er Jahre beinahe als „Gay-related immune deficiency“ (GRID) bezeichnet worden.

Auch die Benennung nach Tieren kann zu Fehlreaktionen führen. So wird die Schweinegrippe nicht von Schweinen übertragen. Dennoch haben zu Beginn der Epidemie von 2009 einige Länder (China, Russland) den Import von Schweinefleisch aus Mexiko verboten.

Die Liste ließe sich weiter führen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die zuletzt von arabischer Seite für die Bezeichnung „Middle East respiratory syndrome“ kritisiert wurde, schlägt vor, vollständig auf die Verwendung von Eigennahmen und geographischen Orten bei der Bezeichnung von Krankheiten zu verzichten. Berufe oder Nahrungsmittel sollten ebenfalls nicht verwendet werden. Begriffe, die Angst auslösen können wie „unbekannt“, „tödliche“ und „epidemisch“ sind aus Sicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ebenfalls problematisch.

Die Weltgesundheitsorganisation schlägt vor, die Krankheiten nach den Symptomen und bei Infektionskrankheiten nach dem Erreger zu benennen. Ob sich diese Idee durchsetzt, bleibt abzuwarten. Es könnte zu gekünstelten Begriffen kommen wie Filovirus-assoziiertes hämorrhagisches Fieber 1 für das Marburg-Fieber. Ebola wäre vermutlich das Filovirus-assoziierte hämorrhagische Fieber 2.

Doch was, wenn die Erkrankung wie bei der Epidemie in Westafrika gar nicht mit einem hämorrhagischen Fieber einhergeht. Es müsste dann Filovirus-assoziiertes nicht-hämorrhagisches Fieber heißen. Auch Abkürzungen sind nicht unproblematisch. Die Bezeichnung SARS für das Schwere Akute Respiratorische Syndrom kollidierte ausgerechnet in Hongkong, wo SARS zuerst beschrieben wurde mit der Abkürzung SAR für Sonderwirtschaftszone, mit der in China die Besonderheiten der früheren britischen Kolonie allgemein beschrieben werden.



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