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PJane – 17.03.2015

Wir sind die Neuen!

Vor kurzem erschien in den deutschen Kinos der gleichnamige Film, in dem ein Aufeinan­dertreffen der Wohngemeinschaften zweier Generationen skizziert wird. Auf der einen Seite der Wand Studenten, die unsere Kommilitonen sein könnten, auf der anderen eine Wohngemeinschaft bestehend aus Alt- 68ern.

Es handelt sich nicht nur um ein bloßes Aufeinandertreffen- vielmehr könnte man es als ein aufeinander- krachen beschreiben. Denn sanft sind die Begegnungen der unterschiedlichen Generationen nicht: Zu verschieden die Welten, die Prägungen, die Umstände der durchgemachten Lebensphasen.

Vor allen Dingen die Umstände, denn bezogen auf ihre Lebensläufe ähneln sich beide Wohngemeinschaften verblüffend: Wie die Jungen haben auch die Bewohner der Alten- WG studiert, sind berufstätig gewesen. Und doch in einer anderen Zeit, unter anderen Rahmenbedingungen, mit einem anderen Lebensgefühl.

Auch im Betrieb Krankenhaus treffen unterschiedliche Welten der verschiedenen Generationen täglich aufeinander. Vor allem über „die Neuen“, zu denen auch ich als PJler gehöre, wurde in letzter Zeit viel berichtet. Glaubt man einschlägigen Artikeln, bahnt sich die „Generation XY“- scharf auf eine „Work- live- Balance“, politisch allenfalls mäßig interessiert - soeben ihren Weg in die Arbeitswelt.

Bezogen auf das Krankenhaus bedeutet das Konfliktpotenzial. Denn junge Ärzte werden vielerorts händeringend gesucht. Im Umkehrschluss entgehen wir oft dem Zugzwang, uns nach dem Examen mit der ersten Stellenzusage zufriedenzugeben. Die Krankenhäuser müssen also besser früher als später erkennen, dass Zugeständnisse bezüglich der Arbeitszeiten sinnvoll sein können. Hier tritt zutage, was viele unserer Mediziner- Generation eint: Wir möchten die Chance, uns auch im Privatleben zu verwirklichen, eine Freizeit zu haben, die wir gestalten können. Speziell die Frauen unter uns möchten nicht mehr zwischen Familie und Karriere entscheiden müssen.

Diese Einforderung ist insofern unbequem und revolutionär, als das wir die erste Gene­ration sind, die sich es aufgrund der Situation auf dem Arbeitsmarkt leisten kann, hierfür einzustehen anstatt sich diese Bedingungen nur zu wünschen. Einige der älteren Ärztegenerationen verblüfft das. Bei Gesprächen darüber - im OP, im Stationszimmer, auf der Weihnachtsfeier - hört man von ihnen ein seufzendes „wir mussten damals um unsere Jobs kämpfen“ oder „heutzutage schreiben die ja jede Überstunde auf“.

Verständlich, dass vielleicht sogar ein bisschen Wehmut mitschwebt an die Zeit, in der Assistenten 48 Stunden durcharbeiteten anstatt sich um 18 Uhr auf den Feierabend zu freuen: Alle im gleichen Boot, Kämpfer derselben Brigade.

Problematisch, weil diese Äußerungen den Eindruck erwecken können, wir seien weniger leistungsbereit, weniger engagiert. Das sind wir nicht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Alltag lässt sich von diesen verschiedenen Sichtweisen nicht irritieren.  In der überwiegenden Mehrheit der Situationen arbeiten Ältere und Jüngere, so wie ich es tagtäglich im PJ erlebe, gut zusammen. So gesehen ist ein Feedback der erfahreneren Generation beruhigend und eine Bestätigung, für die wir ab und zu ehrlich dankbar sind: Meine Mit-PJler und ich werden ob unseres Engagements oft gelobt. 

Bei der unterschiedlichen Auffassung von Arbeitszeit und von einer Vereinbarkeit eines Privatlebens mit dieser handelt es sich also eher um eine Kritik, die oft nur beiläufig erwähnt und mit einem Augenzwinkern versehen ausgesprochen wird- zeugend von einer vergangenen Zeit.

Sie beschäftigt uns dennoch.

Die Verschiedenheit der Umstände-  sie ist verantwortlich für das biographische Mosaik, das die Lebensführung einer Generation so einzigartig prägt. Früher war vieles schwerer und doch haben auch wir unsere ganz eigene Geschichte: Mehr Möglichkeiten bedeuten nicht automatisch mehr Sicherheit, Beziehungen müssen plötzlich auch tausende Kilometer Distanz aushalten und erreichbar ist man prinzipiell überall.

Wenn ich mich unter uns PJlern umsehe, sehe ich aber vor allem eins: Wir sind präsent, engagiert und bemüht - aber vor all diesen Dingen nicht weniger nervös, besorgt und selbstkritisch, wenn es um das ärztliche Handeln geht. Wir sind uns unserer– im Moment noch limitierten- Verantwortung bewusst. Unser Herz pocht, wenn wir das erste Mal mit am OP-Tisch stehen. Unser Magen krampft sich zusammen, wenn ein Patient eine infauste Diagnose gestellt bekommt. Wir verkneifen uns unsere Pause, um noch einmal schnell etwas nachzulesen, weil gleich Chefvisite ist- und Nichtwissen peinlich wäre. Anfänger zu sein empfinden wir als Herausforderung. Es ist anstrengend, manchmal nagt es an uns und manchmal beflügelt es uns.

Insofern möchte ich jedem sagen: Wir sind zwar die Neuen, aber im Kern- da sind wir aus dem gleichen Guss.


Leserkommentare

praehuwi am Mittwoch, 18. März 2015, 10:21
im Kern- da sind wir aus dem gleichen Guss.
Also genauso dumm und jederzeit bereit, als Chefärzte verkleideten Zuhältern beim Geldverdienen zu helfen?

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