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Vom Arztdasein in Amerika – 09.03.2015

Selbständigkeit

In einem vorherigen Blogtext hatte ich angesprochen, daß ich meine Arbeitsstelle als Hospitalist zum 1. März, 2015 gekündigt hatte und nun selbständig bin. Doch geht das überhaupt als Hospitalist, kann man als stationär arbeitender Internist überhaupt freiberuflich tätig sein?

Es geht tatsächlich, aber vorneweg gesagt ist mein Weg ein unüblicher. In den USA ist man als Internist im Regelfall nur im ambulanten Bereich selbständig, nämlich als Inhaber einer eigenen Praxis. Im stationären Bereich hingegen ist die überwältigende Mehrzahl der Internisten – und übrigens viele Ärzte anderer Fachrichtungen – in einem Angestelltenverhältnis, entweder direkt durch ein Krankenhaus oder durch eine große Krankenhausärztegruppe, die dann bestimmte Krankenhäuser betreut, angestellt.

In viel selteneren Fällen kann man Vertragsarzt sein, das heißt aushilfsweise in bestimmten Krankenhäusern einzelne Dienste oder Dienstwochen übernehmen. Das geschieht fast immer durch hierauf spezialisierte Firmen die einen locum tenens Arzt vermitteln.

All diese stationären Optionen habe ich seit meinem Facharzterwerb durchlaufen und war zwar nicht unglücklich, aber letztlich auch nicht ganz zufrieden. Als angestellter Arzt gefiel mir das Stethafte eines angestellten Verhältnisses mit mir bekannten Kollegen, erwartbaren Abläufen und konstanten Strukturen.

Leider hat sich gerade letzterer Punkt deutlich durch den von Präsident Obama angestoßenen Gesundheitsreformen verändert, sodass monatlich immer neue administrative Hürden den Ärzten zugemutet werden, wodurch der hierdurch erzeugte Effizienzdruck die Zeit für die Patientenbehandlung meiner Meinung nach verkürzt hat. Kollegen sind deshalb in Rente oder in die Teilzeit, andere aus dem stationären in den Rehabereich, wo dieser Druck bisher nicht so stark gefühlt wird, gewechselt.

Als locum tenens Arzt, also als Vertragsarzt, habe ich diesen administrativen Druck zwar viel weniger gespürt, weil die jeweiligen Krankenhäuser angesichts der von mir gefüllten Dienstlücke und kurzfristigem Einsatz gar nicht ausreichend Gelegenheit hatten, auf mich Verwaltungsdruck auszuüben, dafür bestanden andere gravierende Nachteile: Da ich durch eine Vertragsarztfirma vermittelt wurde, behielt diese oft bis zu 25 Prozent des bezahlten Einkommens als Vermittlungsgebühr ein; die Folge war de facto eine deutliche Einkommensbuße. Außerdem hatte ich häufig das Gefühl, dass viele Kollegen der Vertragsarztfirma eher grenzwertig inkompetent waren und eine Gleichsetzung mit ihnen aufgrund der uns beschäftigenden Firma war mir unangenehm.

So habe ich einen für mich ideal scheinenden Zwischenweg eingeschlagen: Ich habe meine Hospitalistenstelle gekündigt und bin nun direkt von den Krankenhäusern als Vertragsarzt eingestellt; ich fülle also einige ihrer Dienstlücken aus. Das alles ist logistisch schwierig, weil dafür Verträge erstellt, die Lohnmodalitäten verhandelt und diverse Dokumente in zum Teil Kleinstarbeit als Nachweis meiner ärztlichen Fachkom­petenz erbracht werden mussten. Außerdem bin ich als eine Art Lückenbüßer von Lücken im Dienstplan abhängig, was gewisse unerwartbare Niedrigbeschäftigungszyklen bedeuten könnte, aber es läuft sich bisher sehr gut an. Ich stehe bei fünf Kranken­häusern in Minnesota, Süd- und Norddakota auf dem Dienstplan als Vertragsarzt, „Gelegenheitsarzt” wie man mich darin nennt.

In unregelmäßigen Abständen, aber gefühlt knapp einmal die Woche, erhalte ich eine Anfrage, ob ich nicht zum Beispiel fünf Tage Nachtdienst in einem Krankenhaus in Sioux Falls machen oder zwei Visitentagesdienste in Minneapolis absolvieren möchte, weil eben in einem Fall kündigungs-, in einem anderen Fall krankheitsbedingt diese offen sind.

So bin ich schon jetzt bis Mai ausgebucht und musste sogar jüngst Dienstanfragen ablehnen. Da es derzeit einen Arztmangel gibt, bin ich in guter Verhandlungsposition und erhalte die Kosten der Haftpflichtversicherung, meine Unterbringung (meistens ein Hotel oder bei einwöchiger Dienstverpflichtung eine Einzimmerwohnung), An- und Abfahrt vergütet, neben gutem Stunden- oder Tagessatz. Für die Krankenhäuser bin ich immer noch etwa 10 bis 15 Prozent günstiger im Vergleich zu den Vertragsarztfirmen, so meine Recherchen.

Alle anderen Leistungen, wie beispielsweise Krankenversicherung oder Rentenver­sicherung muss ich übrigens selber bezahlen; es ist eben eine reguläre Selbständigkeit. So habe ich nun die lange gesuchte Flexibilität gefunden, um diverse Projekte anzu­gehen und vor allem den vielen Verwaltungsveränderungen ausweichen zu können. Es wird voraussichtlich nicht meine langfristige Lösung sein, wie ich einmal an anderer Stelle berichten werde.


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