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Gesundheit – 18.02.2015

Warum Fasten gesund ist (und ob eine Pille es ersetzen könnte)

Die Fastenzeit hat begonnen und viele Menschen schränken ihre Kalorienzufuhr freiwillig ein. Bei den meisten ist eine Reduktion des Körpergewichts das Ziel, was allein schon günstige Auswirkungen auf den Energiestoffwechsel hat. Menschen mit Typ 2-Diabetes werden, wenn sie die Diät denn durchhalten, mit einer Senkung des HbA1c-Werts belohnt, sofern die Insuffizienz der Beta-Zellen noch nicht zu weit fortgeschritten ist. Darüber hinaus hat Fasten günstige Auswirkungen auf Entzündungsparameter im Blut, deren Ursache Forscher der Yale Universität nachgegangen sind.

Ihre Studie in Nature Medicine (2015; doi: 10.1038/nm.3804) zeigt, dass 3-Hydroxybutansäure (BHB), einer der drei im Hungerzustand von der Leber freigesetzten Ketonkörper, eine hemmende Wirkung auf NLRP3 hat. NLRP3 (die Abkürzung steht für NOD-like receptor family, pyrin domain containing 3) gehört zu den Sensoren des angeborenen Immunsystems, dem ältesten Teil unseres Abwehrsystems. Es reagiert auf in der Natur häufige Schadstoffe, sogenannte DAMPs (Damage-associated molecular pattern molecules).

Bindet ein DAMP am NLRP3-Rezeptor, kommt es zu einer entzündlichen Reaktion. Zu diesen DAMPs gehört unter anderem Glukose, das die meisten Menschen in großer Menge zu sich nehmen. Ein Team um Vishwa Deep Dixit kann nun zeigen, dass der Ketonkörper BHB (der bei extremem Glukosemangel gebildet wird) NLRP3 inhibiert und auf diese Weise die Art der Entzündungsreaktion im Körper hemmt, die als Inflammosom bezeichnet wird. Fasten könnte auf diese Weise Zivilisationskrankheiten wie Typ 2-Diabetes und Atherosklerose vorbeugen. Ob dies tatsächlich der Fall ist, können nur epidemiologische Untersuchung zeigen.

Oder auch eine klinische Studie. Um NLRP3 zu inhibieren, muss man nicht unbedingt die Strapazen einer Diät auf sich nehmen. Es geht auch mit einem oral verfügbaren Wirkstoff, den ein internationales Team um Matthew Cooper, Australien und Luke O’Neill, Irland (unter Beteiligung von Forschern der Universität Bonn) jetzt ersten Tests unterzogen hat. Die Forscher wendeten MCC950 allerdings nicht etwa bei übergewichtigen Menschen mit erhöhten Entzündungsparametern an. Diese Idee wäre derzeit voreilig. Zunächst haben die Forscher die Wirkung bei Erkrankungen untersucht, die durch einen Defekt im NLRP3-Gen ausgelöst werden und als CAPS (Cryopyrin-associated periodic syndrome) bezeichnet werden. Der Defekt hat eine Aktivierung des Inflammosoms zur Folge. MCC950 konnte diese Aktivierung verhindern, wie die Forscher jetzt in Nature Medicine (2015; doi: 10.1038/nm.3806) zeigen.

Die Pille rettete Mäuse mit CAPS sogar vor dem krankheitsbedingten Tod. Da die Freisetzung von Interferonen zum Inflammosom gehört, hat das Team MCC950 auch bei der experimentellen autoimmune Enzephalomyelitis (EAE), einem Mäusemodell der Multiplen Sklerose untersucht. Auch hier wurde die Wirkung erzielt.

Da eine starke Wirkung bei Medikamenten in der Regel mit Nebenwirkungen verbunden ist, dürften die Chancen, dass MCC950 dereinst eine Lifestyle-Pille zum Ersatz des Fastens wird, gering sein – obwohl natürlich die Ergebnisse klinischer Tests abzuwarten wären. Erste Kandidaten für klinische Tests wären nicht Menschen, denen das Fasten zu schwer fällt, sondern Patienten mit dem Muckle-Wells-Syndrom.

Es handelt sich um eine seltene autosomal dominant vererbte Autoimmunerkrankung. Die Betroffenen leiden unter einer episodischen Kombination aus Urtikaria, Arthralgien und Fieber. Im Verlauf des Lebens kommt es zu einer sensorineuralen Taubheit und zu Nierenschäden. Für diese Menschen könnte MCC950, wenn es denn verträglich und sicher sein sollte, eine große Hilfe sein. Alle anderen müssen es vorerst mit dem echten Fasten versuchen.



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