108/552

Gesundheit – 17.02.2015

Cannabis: Heilmittel und Psychose-Auslöser

Der Kontrast könnte kaum größer sein. Auf der Jahrestagung der American Association for the Advancement of Science in San Jose preisen Wissenschaftler die medizinische Wirkung der Droge Cannabis, die gewissermaßen als Verstärker körpereigener Endocannabinoide Angstzustände, Depressionen, posttraumatische Belastungs­störungen, Epilepsie und neuropathische Schmerzen lindert, wo andere Mittel versagen.

Die US-Regierung wird aufgefordert, die Klassifizierung von Cannabis als suchter­regende Droge ohne medizinischen Nutzen in der gleichen Kategorie wie LSD (Schedule III) aufzuheben. Auf der anderen Seite warnen Psychiater des King’s College vor den möglichen Nebenwirkungen.

In ihrer Fall-Kontroll-Studie unter Erwachsenen war der Konsum der wirkungsstarken Sorte „Skunk“ mit einem dreifach erhöhten Risiko auf eine erste Episode einer Psychose assoziiert. Regelmäßige Konsumenten erkrankten sogar fünffach häufiger. Die Autoren schätzen in Lancet Psychiatry, dass im Einzugsgebiet ihrer Klinik, das London südlich der Themse, insgesamt 24 Prozent aller ersten Psychosen auf den Konsum von Skunk zurückzuführen sind.

Dass die Ansichten so weit voneinander entfernt liegen, dürfte mit den insgesamt geringen Kenntnissen zu den klinischen Wirkungen der unterschiedlichen Varianten der THC-Droge zusammenhängen. Klar scheint, dass das Mittel „psychotomimetische“ Symptome auslösen kann, wie sie beispielsweise in einer experimentellen Studie an gesunden Probanden nach der intravenösen Gabe von THC in verschiedenen Dosierungen ausgelöst wurden.

Dass sie allerdings eine relevante Ursache für die Schizophrenie sind, lässt sich durch eine Fall-Kontroll-Studie kaum beweisen. Es bleibt immer die Möglichkeit einer reversen Kausalität, nach der Patienten im subklinischen Stadium der Schizophrenie sich stärker als andere zu der Droge hingezogen fühlen (möglicherweise sogar als Mittel gegen die sie belastenden psychischen Symptome).

Klärung könnten nur groß angelegte prospektive klinische Studien erbringen, an denen aber kein öffentliches Interesse besteht. In der Politik gibt es Widerstände, die sich aus der langjährigen Klassifizierung als illegale Droge erklären. Auf der Seite der Hersteller fehlt der wirtschaftliche Anreiz, sich mit einem Wirkstoff zu beschäftigen, der keinen Gewinn verspricht, dafür aber dem Ansehen als ethisch agierende Firma Schaden zufügen könnte.


Leserkommentare

dr.med.thomas.g.schaetzler am Montag, 23. Februar 2015, 15:55
Wie sich Kontroversen gleichen?
In Deutschland fordert Arztkollege und Politiker Dr. Harald Terpe, Grünen-Sprecher für Drogenpolitik, "schwer kranken Menschen die Genehmigung zum Eigenanbau von Cannabis" zu erteilen, vergisst dabei aber wesentliche, lebenspraktische Hürden:

Denn wie soll jemand, der schwer krank, Teilhabe-gemindert, Mobilitäts-, Belastungs- und Schmerz-eingeschränkt ist, die relativ komplizierte und aufwändige Cannabis-Logistik bewerkstelligen? Oder ist er dann gar nicht so schwer krank? Soll bei der "Verordnung häuslicher Krankenpflege" nach GKV-Vordruckmuster 12a etwa der Pflegedienst diese Aufgabe mit übernehmen? Was ist, wenn der Cannabis-Eigenanbau nur minderwertige Erntequalität bringt, unsachgemäß weiterverarbeitet oder unwirksam wird? Wenn der Patient bettlägerig seinen "Stoff" gar nicht mehr erreichen und ernten kann?

Die anderen haben als Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), MdB Hilde Mattheis (SPD), MdB Burkhard Blienert (SPD), MdB Jens Spahn als gesundheitspolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, MdB Gerda Hasselfeldt (CSU), MdB Kathrin Vogler (Linke), MdB Frank Tempel (Linke) und "last but not least" Grünen-Chef Cem Özdemir mit seiner Hanf-Pflanze auf dem Balkon offenkundig zu viel im "Handbuch für biodynamische Selbstversorger" gelesen:

Antibiotika werden auch nicht mehr zu Hause in der Petrischale (Nobelpreis A. Fleming für die Penicillinentdeckung) gezüchtet. Sondern wie bei allen Medikamenten kommt es auf Qualität, Standardisierung, exakte Dosierung und Galenik an. Damit wird ausschließlich auf medizinisch-schmerztherapeutische Effekte fokussiert. Denn es geht nicht um Permissivität oder Förderung von Drogenkarrieren ("legalize it"?), sondern um die Erweiterung palliativ- und schmerzmedizinischer Handlungsoptionen.

In meiner hausärztlichen Praxis habe ich in Einzelfällen mit (teurem) Tetrahydrocannabinol (THC) als Dronabinol (ATC A04AD10) und seinen antiemetischen, appetitstimulierenden, schmerzlindernden, entzündungshemmenden, muskelentspannenden, dämpfenden und psychotropen Eigenschaften als Heil- und Linderungsversuch gearbeitet, wenn mögliche Alternativen unwirksam waren. Cave: Es wirkt zentral sympathomimetisch. Die Wirkung setzt in ca. 60 Minuten ein. Psychotrope Effekte halten 4-6 Stunden, die Appetitstimulation bis zu 24 Stunden an. Das Betäubungsmittelrezept (BTM) kann mit dem Rezepturarzneimittel folgendermaßen ausgestellt werden:

BTM-Rezeptur für Dronabinoltropfen in Neutralöl 2,5 %:
Dronabinol 0,25 g
Neutralöl ad 10,00 g NRF 11,4 (Oleum neutrale Miglyol 812)

Dosierung einschleichend beginnend mit 2 x 3 Tropfen (2 x 2,5 mg) tgl.

Zur Beachtung: In der GKV n i c h t erstattungsfähig (Regress!). Ausschließlich privat verordnungsfähig. Dosierung gemäß schriftlicher Gebrauchsanweisung.
Die höchstmögliche Verschreibungsmenge beträgt 500 mg Dronabinol pro Monat.
Hersteller von Dronabinol: Bionorica Ethics und THC Pharm.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Vgl. meinen Blog:
http://news.doccheck.com/de/blog/post/2115-cannabis-mit-medizinischem-biss/


Bookmark-Service:
108/552
Gesundheit
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika