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Vom Arztdasein in Amerika – 05.01.2015

Streben nach Profit schadet dem Patientenwohl

Viele wissen, dass es unterschiedliche Krankenhausstrukturen in Deutschland, aber auch den USA gibt – es gibt kommunale Träger, Universitätskrankenhäuser, sogenannte privitasierte beziehungsweise in privater Hand befindliche Krankenhäuser und kirchliche Einrichtungen, um nur einige zu nennen. Man kann diese Strukturen auch dahingehend unterscheiden, dass einige von diesen vor allem auf Gewinnmaximierung ausgerichtet sind, während für andere die Gewinnmaximierung nicht so stark im Vordergrund steht.

Diese Unterscheidung wird in den USA sehr deutlich gemacht, und man differenziert ein Krankenhaus und Gesundheitsunternehmen vor allem danach, ob es ein „profit­orientiertes” oder ein „nicht-profitorientiertes” Unternehmen ist – das hat juristische, steuerliche und administrative Konsequenzen.

So manche Erfahrung als angestellter Arzt in auf Profit ausgerichtete Organisationen habe ich in Deutschland und den USA mittlerweile machen können. In solchen wurde ich als Arzt viel häufiger mit persönlichen und unternehmensinternen Kennzahlen konfrontiert und Begriffe wie „Effizienz”, „Fallzahlmaximierung”, „Optimierung des Personalschlüssels” und selbst das eher positiv klingende „patientenzentrierte Behandlungsstruktur” habe ich meistens als Begriffe wahrgenommen, die vor allem zum Ziel die Gewinnmaximierung mit einhergehender Kostenreduzierung hatte.

Als Arzt ertrug ich solche Strukturen meist ohne Murren; nur manchmal, wenn es mir zu doll wurde, wie z.B. 2013 in einigen der von mir visitierten Floridakrankenhäusern, bin ich kündigend gegangen.

Nun ist eine Studie veröffentlicht worden, die aufzeigt, dass profitorientierte Organisa­tionen im konkreten Fall der Hospizlandschaft in den USA zu einer Verschlechterung der Patientenversorgung führen. Als Hintergrund muss man wissen, dass in den USA seit den 1970er Jahren von der staatlich bezahlten Krankenversicherung Medicare die Pflegekosten der im Entstadium sich befindlichen Kranken zu 100% bezahlt wird. Diese Pflege wird unter dem groβen Begriff „Hospiz” subsumiert.

Um solch eine Hospizbehandlung und –bezahlung zu erhalten, muss der behandelnde Arzt bescheinigen, dass die Erkrankung chronisch und unheilbar ist und mit hoher Sicherheit innerhalb von sechs Monaten zum Tode führen wird. Krankheiten die hierunter fallen, sind nicht nur fortgeschrittene Krebsleiden, sondern beispielsweise auch COPD, Herzinsuffizienz oder Myelofibrose im Entstadium, aber auch Dialysepflicht, wenn auf die Hämodialyse verzichtet wird oder auch Demenzkranke mit Aspirationspneumonie bei der gegen eine Antibiose entschieden wird.

Wenn der Arzt also solches bescheinigt hat und ein Hospizkonsil erbittet, dann wird eine entsprechende Hospizgesellschaft kontaktiert – sie untersucht den Fall und Patienten. Wenn bestätigt wird, dass der Patient die Bedingungen von Medicare erfüllt, wird dieser nach kleineren bürokratischen Hürden und auszufüllenden Dokumenten offiziell in das Hospizprogramm aufgenommen.

Dabei wird er meistens bei sich zu Hause oder in einem Pflegeheim von einem ambulant tätigen Hospizpfleger betreut; dieser kommt zwar nicht täglich vorbei, aber eben bei Bedarf, wenn also entweder der Patient ihn ruft, oder der Pfleger meint, es sei Zeit einmal wieder vorbeizukommen. Man schätzt übrigens, dass knapp die Hälfte aller betagten US-Amerikaner Hospizpflege in ihrem Leben erhalten. Nun gibt es genauso wie bei anderen Gesundheitsinsstitutionen eine zunehmende Zahl an profitorientierten Hospizgesellschaften neben den meistens schon seit Jahren bestehenden nicht-profitorientierten.

Es wird unter meinen Arztkollegen gemunkelt (ich kann die Zahlen nicht garantieren und bitte um Anmerkungen und Anschriften wenn jemand konkrete Zahlen kennt), dass ein Hospizunternehmen knapp 10.000 US-Dollar als Pauschalbetrag für alle Therapien und die Patientenbetreuung erhält. Dieser muss dabei für alle Hospizkosten innerhalb des meist sehr begrenzten Patientenlebens genügen, ob es sich nun um die Kosten des Personals oder der Medikamente handelt; in seltenen Fällten und meistens vor allem nur wenn der Patient wider Erwarten länger als sechs Monate lebt, kann erneut ein weiterer Pauschalbetrag eingefordert werden.

Angesichts dieses begrenzten Betrages kann man natürlich die potenzielle Problematik erahnen, wenn sich auf Profit orientierte Unternehmen in dieses Feld begeben – um Geld zu sparen, also Gewinne zu vergröβern bzw. „Effizienz zu steigern”, kann Personal verknappt werden, weniger und kürzere Patientenbesuche durchgeführt werden oder Patienten, die doch noch nach einigen Monaten am Leben sind oder gar sich gebessert haben, aus dem Hospizprogramm gedrängt bzw. entlassen werden; das nennt man übrigens dann „Hospizgraduierung”.   

In einem kürzlich veröffentlichen Artikel der US-weit bekannten Washington Post geht es um genau diese Problematik. Im Artikel „Tod und Profit: Die Veränderung der Hospizlandschaft” http://www.washingtonpost.com/business/economy/2014/12/26/a7d90438-692f-11e4-b053-65cea7903f2e_story.html werden Statistiken aufgezeigt, die genau diesen Trend der Ressourcenverknappung innerhalb profitaffiner Unternehmen klar umreiβen.

Eine profitorientierte gibt nämlich im Gegensatz zu einer nicht-profitorientierten Hospiz­gesellschaft statistisch gesehen pro Patient weniger Geld aus, betreut diesen weniger intensiv in Krisensituationen, ist pflegerisch weniger in den letzten Lebenstagen vor Ort tätig und "entlässt" einen Hospizpatienten viel eher aus dem Hospizprogramm.

Vorsichtig ausgedrückt kann man somit sagen, dass im Gesundheitswesen eine profitorientierte Herangehensweise nicht unbedingt eine Verbesserung der Patientenversorgung bedingt und im Hospizbereich eine Verschlechterung vermutet werden kann.


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