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Gesundheit – 04.12.2014

England auf dem Weg zur Hausgeburt

England könnte nach den Niederlanden das zweite hochentwickelte Land in Europa werden, das Hausgeburten zur Regel erhebt. Dies sieht jedenfalls die neueste Leitlinie des National Institute for Health and Care Excellence (NICE) vor, das Empfehlungen für den steuerfinanzierten staatlichen britischen Gesundheitsdienst (NHS) herausgibt. NICE stellt in der Leitlinie fest, dass für etwa die Hälfte aller Frauen mit einer unkomplizierten Schwangerschaft eine Hausgeburt (oder die Geburt in einem von Hebammen geleiteten Geburtshaus) „sicherer“ ist als die Geburt in einer Klinik.

Für NICE ist die Hausgeburt die Entbindung der ersten Wahl, weil die Rate der geburts­hilflichen Interventionen (von Regionalanästhesie über Episiotomie und assistiere Geburt mit Zange oder Saugglocke bis zum Kaiserschnitt) geringer ist, ohne dass sich die Komplikationsrate erhöht. NICE verweist hier auf einschlägige Untersuchungen, die bei einer unkomplizierten Schwangerschaft nur bei Erstgebärenden ein leicht erhöhtes Risiko von schweren Komplikationen ergeben haben.

Die Empfehlung impliziert auch, dass die Hausgeburt für den NHS und damit letztlich für den Steuerzahler die kostengünstigere Lösung ist (auch wenn dieser Punkt dieses Mal nicht in den Vordergrund gestellt wird).

Vor zwei Jahrzehnten hätte diese Empfehlung in England wie überall (außer in den Niederlanden) eine Rebellion unter den Frauenärzten ausgelöst. Doch die Zeiten haben sich geändert. Das Royal College of Obstetricians and Gynaecologists begrüßte in einer Stellungnahme sogar die Leitlinie. Der Berufsverband der britischen Gynäkologen fand zwar, dass man die Entscheidung im Einzelfall den Frauen überlassen sollte (die in der Mehrheit vermutlich für die Klinikgeburt votieren würden), und er riet bei Erstgebärenden von einer Hausgeburt ab.

Ein ernsthafter Widerstand sieht anders aus. Nur die Birth Trauma Association befürchtet schlimmstes. Die Selbsthilfegruppe von Frauen, die komplizierte Geburten erleben mussten, sagt eine Welle von hirngeschädigten und behinderten Kindern voraus. Als Beleg kann sie allerdings nur Berichte als der Boulevardpresse und die Gutachten von Juristen anführen, die mit vermehrten Klagen rechnen. Eine medizinische Evidenz ist das nicht.

In den Niederlanden entscheiden sich zwei von drei Schwangeren mit niedrigem Risiko für eine Hausgeburt, ohne dass die Zahl der Geburtskomplikationen höher wäre als in anderen Ländern. Nach einer im letzten Jahr im Britischen Ärzteblatt (BMJ 2013; 346: f3263) veröffentlichten Kohortenstudie war das Komplikationsrisiko bei low-risk-Schwangerschaften sogar niedriger als bei einer geplanten Geburt in der Klinik. Für Deutschland gibt es keine exakten Zahlen. Die Gesellschaft für Qualität in der außerklinischen Geburtshilfe schätzt, dass knapp zwei Prozent aller Schwangeren ihr Kind außerhalb einer Klinik zur Welt bringen, die meisten davon als geplante Hausgeburt.



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