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Res medica, res publica – 07.11.2014

Im Gesundheitswesen haben fast nur Wessis das Sagen

Darf man überhaupt noch nach Wessis und Ossis fragen? 25 Jahre nach dem Fall der Mauer sollte das Denken in diesen Kategorien überwunden sein. In den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung gab es sie, die Quoten-Ossis, wenn es um die Besetzung öffentlicher Ämter ging. Aber heute? Angela Merkel kommt schließlich aus Templin in Brandenburg, Joachim Gauck aus Rostock - und Claus Weselsky aus Dresden.  

Dennoch, heute soll die Frage mal erlaubt sein: Wer hat im Gesundheitswesen das Sagen? Wie sind die neuen Länder in Spitzenpositionen auf Bundesebene vertreten? Wenn es eine West-Ost-Quotenregelung gäbe, müssten knapp 20 Prozent der Spitzenpositionen im Gesundheitswesen von Ostdeutschen besetzt sein. Denn das entspricht dem Anteil der neuen Länder an der Gesamtbevölkerung (15,92 von 80,77 Millionen Menschen), wobei wir – zeitgeschichtlich unkorrekt – ganz Berlin zum Osten rechnen.  

Eine Internetrecherche bei Organisationen und Verbänden von Ärzten, Zahnärzten, Apothekern, Krankenhäusern, Pflegekräften, Krankenhäusern, gesetzlicher und privater Krankenversicherung und nicht zuletzt im Gemeinsamen Bundesausschuss und in der Gesundheitspolitik erbrachte das Ergebnis: Die Ostdeutschen sind in Spitzenpositionen des Gesundheitswesens unterrepräsentiert. Mit 9 von 61 Stelleninhabern kommen sie auf einen Anteil von nicht mal 15 Prozent.  

In den Spitzenpositionen der Ärzteschaft auf Bundesebene steht eine Ostdeutsche  ziemlich allein auf weiter Flur: Regina Feldmann, Hausärztin aus Thüringen, im Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Sie ist zugleich das Gegenbeispiel für die These des Psychiaters Hans-Joachim Maaz, der in einem Interview mit Blick auf Angela Merkel davon spricht, das „vorsichtig Abwartende“ zeichne den Ostdeutschen aus, „auf keinen Fall das Vorpreschen mit mutigen, konfliktträchtigen Positionen“. Als konfliktscheu und durchsetzungsschwach gilt Frau Feldmann zumindest gemeinhin nicht.

Die Zahnärzte haben mit Prof. Dr. Dietmar Oesterreich einen Vizepäsidenten ihrer Bundeskammer aus Mecklenburg-Vorpommern, aber auch sie reichen nicht an die Apotheker heran. Bei der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) stellen Ostdeutsche die komplette Spitze: Friedemann Schmidt, Apotheker in Leipzig, hat im Januar 2013 das Präsidentenamt übernommen, sein Stellvertreter ist Mathias Arnold aus Halle an der Saale. 

Für die Politik sind an dieser Stelle Tadel und Lob fällig: Die fünfköpfige Spitze des Bundesministeriums für Gesundheit (Minister und vier Staatssekretäre) besteht nur aus Wessis. Aber im Bundestag ist das anders: Zwar kommt nicht ein einziger gesund­heitspolitischer Sprecher aus dem Osten, und von den stellvertretenden Fraktions­vorsitzenden mit Zuständigkeit für die Gesundheit nur Sabine Zimmermann (Linke). Aber gleich drei Obleute im Gesundheitsausschuss, Maria Michalk (CDU), Birgit Wöllert (Linke) und der Arzt Harald Terpe von den Grünen, bringen ihre Lebenserfahrung aus den östlichen Bundesländern ein. Sie heben die “Ossi-Quote” in der Gesundheitspolitik auf 21 Prozent.

Der Psychoanalytiker Maaz, der vor und nach der Wende als Chefarzt in Halle an der Saale gearbeitet hat, führt die insgesamt kleine Zahl Ostdeutscher in den Führungsetagen der Wirtschaft auf die Sozialisation im Osten zurück.  „Karriere war im Grund nur im politischen System möglich und für den normalen Arbeitnehmer kein Ziel“, sagte er dem Kölner Stadt-Anzeiger. „So eine Sozialisation kann man nicht einfach ablegen.” Selbst die heute 35- bis 40-Jährigen Ostdeutschen hätten ihre nachhaltig prägenden Beziehungserfahrungen der Kindheit in der DDR gemacht. „Die Mentalitätsunterschiede wirken über diese Generation hinaus, weil Prägungen nur über mehrere Generationen abgebaut werden.“


Leserkommentare

ralf.schrader am Dienstag, 11. November 2014, 07:00
Westdeutsches Gesundheitswesen
Da es sich um ein orthodox westliches, also wirtschaftlich dominiertes Gesundheitswesen handelt, mit nur noch geringem Bezug zu Medizin und Morbiditätsprozessen, ist es nur konsequent, das westdeutsche Kollegen oder Gesundheitspolitiker das Sagen haben.


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