138/563

Gesundheit – 28.10.2014

Welt-Poliotag: Nicht nur Ebola kann Grenzen überschreiten

Seit Jahren verkündet die Global Polio Eradication Initiative (GPEI), die 1988 von WHO, UNICEF und Rotary International gegründet wurde, das bevorstehende Ende der Polio. So auch heute zum Welt-Poliotag, der zum (dieses Jahr 100.) Geburtstag des Impfstoffentwicklers Jonas Salk begangen wird. Bis 2018 soll die Eradikation geschafft sein.

Zweifel sind angebracht. Immer wieder haben es Kriege und andere politische Krisen verhindert, dass das Ziel erreicht wird. Und die weltpolitische Lage sieht derzeit nicht sehr günstig aus. In Pakistan hat es in diesem Jahr bereits  243 Erkrankungen – und wahrscheinlich hundert Mal so viele asymptomatische Infektionen – gegeben.

Das ist die höchste Zahl an Neuerkrankungen in Pakistan seit dem Jahr 2000. In einigen Regionen des Landes werden die Impfungen seit der Tötung von Osama bin Laden abgelehnt. Impfärzte sollen damals an der Aufspürung des Al-Kaida-Führers beteiligt gewesen sein. Dies ist zwar nur ein Gerücht, aber andere Gerüchte (über die vermeintliche Sterilisation von Mädchen im islamischen Norden des Landes) haben vor einigen Jahren in Nigeria ausgereicht, um die dortige Impfkampagne zu stoppen.

Die Folge sind Exporte in andere Länder. Aus Nigeria zog sich die Spur bis zur arabischen Halbinsel und von dort nach Indonesien. Dieses Mal könnten die Viren über Syrien und den Nordirak sogar nach Deutschland gelangen. In beiden Ländern hat es in den letzten Monaten Erkrankungen gegeben und die Flüchtlingsströme reichen bekanntlich bis nach Deutschland.

Das Robert Koch-Institut (RKI) hat deshalb im Oktober 2013 – neben der regulär für alle Asylbewerber angebotenen Polioimpfung – Stuhluntersuchungen von asymptomatischen syrischen Kindern unter drei Jahren empfohlen. Bis Ende April 2014 wurden mehr als 600 Stuhlproben untersucht. Bei 12 Kindern wurden Polioviren entdeckt.

Glücklicherweise handelte es sich jeweils um Impfviren, die nach einer Schluckimpfung noch monatelang mit den Faeces ausgeschieden werden können. Dass eine Ein­schleppung von Poliowildviren nach Deutschland nicht auszuschließen ist, zeigen die Erfahrungen aus Israel, wo die Viren bei Routinekontrollen in Abwässern gefunden wurden – was aufgrund des fehlenden Reservoirs bei anderen Spezies immer auf eine Infektion von Menschen hinweist.

Das RKI rät den Ärzten, den Impfschutz ihrer Patienten zu überprüfen und gegebenenfalls nachzuimpfen. Die derzeitige Angst vor den Ebolaviren könnte sonst schnell den Blick auf andere durchaus reale Gefahren verstellen.


Leserkommentare

dr.med.thomas.g.schaetzler am Donnerstag, 30. Oktober 2014, 15:13
Erstaunlich uninformiert!
Lieber "rme", Sie schreiben: "In einigen Regionen des Landes werden die Impfungen seit der Tötung von Osama bin Laden abgelehnt. Impfärzte sollen damals an der Aufspürung des Al-Kaida-Führers beteiligt gewesen sein. Dies ist zwar nur ein Gerücht, ..."

Sie haben vermutlich nicht mitbekommen, dass z. B. die Ärzte Zeitung online am 20.05.2014 unter dem Titel "USA - Keine Impfhelfer mehr als Spione" berichtet hat: "Die USA haben 2011 eine Impfaktion in Pakistan vorgetäuscht, um das Versteck von Osama bin Laden aufzuspüren. Seither sind die Pakistaner sehr misstrauisch gegenüber Impfaktionen. Jetzt haben die USA laut Medienberichten angekündigt, keine Täuschungsmanöver derart mehr zu unternehmen."

Ich habe dazu auf meinem DocCheckBlog einen Kommentar mit folgendem Wortlaut geschrieben:
• Schätzlers Blog auf DocCheck
'Die hässliche Variante "biologischer Kriegsführung"! - 25.05.2014 - Im Jahr 2011 hatten die USA mit einer vorgetäuschten Impfaktion in Pakistan das Versteck von Osama bin Laden aufgespürt. Nach dramatischen Einbrüchen bei den Impfkampagnen und der Impfbereitschaft in islamistisch geprägten Ländern in der Folgezeit, hatten die Vorsitzenden von zwölf führenden US-Gesundheitsinstituten im Januar 2013 einen Brief an US-Präsident Barack Obama geschrieben.
Sie beklagten darin ernsthafte Auswirkungen auf die internationale Zusammenarbeit im Gesundheitswesen und, schlimmer noch, fundamentalistisch und anti-amerikanisch begründete, z. T. tödliche Attentate auf humanitär agierende Impfteams.

Es sei nun zunehmend schwer, so die Experten, z. B. pakistanische Kinder gegen Polio zu impfen. Denn die Pakistaner sind sehr misstrauisch bis zu völliger Ablehnung gegenüber Impfaktionen. Laut Medienberichten haben die USA erst j e t z t angekündigt, k e i n e derartigen Täuschungsmanöver mehr zu unternehmen. Auf die Frage, warum das Weiße Haus erst 16 Monate später auf den Brief reagiert habe, erklärte ein Geheimdienstmit-arbeiter den Medien, die Regierung kommentiere selten bis gar nicht ihre eigene Aufklärungsarbeit im Antiterror-Bereich. Die Anti-Terror-Beraterin von US-Präsident Barack Obama, Lisa Monaco, musste aber zugeben, dass der US-Geheimdienst CIA mittels einer vorgetäuschten Impfaktion vor drei Jahren die Familie des Al-Kaida-Chefs Osama bin Laden in deren Versteck im nordpakistanischen Abbottabad aufgespürt hatte.

Da "bereichert" das angeblich "freieste Land der Welt" ("Freedom and Democracy"), die Vereinigten Staaten von Amerika, die abstruse Welt der ABC-Kriegswaffenführung um eine neue Variante der "biologischen Kriegsführung". Besonders perfide: Impfhelfer, die sich in vermeintlich humanitär-karitativ-präventivem Auftrag unters Volk mischen und unauffällig umherziehen können, sind in Wahrheit verdeckte Ermittler, Kombattanten, CIA-Spione gewesen und missbrauchten den Schutz von N i c h t-Kombattanten nach der Genfer-UN-Konvention.

Noch schlimmer: Militärische US-Geheimdienst-Operationen tragen aktiv dazu bei, dass in Pakistan, Afghanistan und den Nachbarländern bzw. auch in Nigeria und Zentralafrika weiter Polio-Endemien über Kinder und Erwachsene wüten können und m e h r Menschen als bisher sterben müssen. Länder mit einem Poliomyelitis epidemica Erregerreservoir gefährden aus infektionsepidemiologischer Sicht aber auch andere Entwicklungs-, Schwellen- und Industrieländer, in denen die Polio-Schutzimpfung aktuell nur lückenhaft und n i c h t flächendeckend umgesetzt wurde. Damit könnten letzten Endes auch die USA s e l b s t belastet werden.

Am stärksten von Polio-Neuerkrankungen werden allerdings die weniger USA-freundlichen Entwicklungs- und Schwellenländern betroffen sein, wo Prävalenz und Inzidenz der Poliomyelitis am höchsten sind: Bei gleichzeitig weniger entwickelten medizinischen Versorgungs- und Infrastrukturen und dem zusätzlich neu implementierten, generellen Misstrauen gegenüber Poliomyelitis Erst- und Auffrischungsimpfungs-Programmen.'

Da scheint doch etwas mehr dran zu sein, als an einem einfachen "Gerücht"?

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund



Bookmark-Service:
138/563
Gesundheit
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika