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Gesundheit – 26.09.2014

Fußball: Dement durch Kopfbälle?

Das brasilianische Fußballidol Hilderaldo Luís Bellini, dessen Denkmal vor dem Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro steht und der als Spielführer der Seleção maßgeblich am Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1958 in Stockholm beteiligt war, ist nicht am Morbus Alzheimer, wie von den Fans lange angenommen, sondern an einer chronisch traumatischen Enzephalopathie (CTE) gestorben.

Dies hat laut einem Bericht der Tageszeitung O Glogo die Neuropathologin Lea Grinberg von der Universität São Paulo heraugefunden. Sie hatte zusammen mit Ann McKee, einer international führenden CTE-Expertin von der Universität Boston, postmortal das Gehirn des Fußballers untersucht, der in den letzten Lebensjahren unter einer fortschreitenden Demenz gelitten hatte.

Bellini, der 83 Jahre alt wurde, ist damit der zweite Fußballer, bei dem sicher eine CTE diagnostiziert wurde. Als Dementia pugilistica galt sie lange als Spezialität von Boxern, seit einiger Zeit wird sie aber auch bei Eishockey-, Football-Spielern und Catchern diagnostiziert. Die National Football League hat jüngst eine Liste der betroffenen Spieler veröffentlicht.

Der zweite Patient war ein 29-jähriger unbekannter Fußballer aus Albuquerque, dessen Gehirn McKee von der Universität Boston untersucht hatte. Der semiprofessionelle Spieler war einer von 85 Sportlern, bei denen die Expertin im letzten Jahr in einer Übersicht die Diagnose einer CTE gestellt hatte. Ein dritter Fall könnte der britische Fußballprofi Jeff Astle gewesen sein. Rechtsmediziner hatten im Jahr 2002 Hirnschäden für den Tod des Kickers verantwortlich gemacht, der als besonders kopfballstark galt. Die Diagnose CTE gab es damals noch nicht.

Bislang galt die CTE als ein US-amerikanisches Problem. Die Diagnose bei dem promi­nenten brasilianischen Kicker könnte weltweit die Aufmerksamkeit auf die wahrscheinlich zu selten diagnostizierte Erkrankung lenken. Dass Kopfbälle beim Fußball eine Demenz auslösen können, wird durch zwei Einzelfälle sicher nicht belegt. Radiologen hatten im letzten Jahr jedoch bei kopfballstarken Fußballern Hinweise auf Nervenfaserrisse im Gehirn gefunden, die mit schlechteren Leistungen in Gedächtnistests assoziiert waren. Völlig aus der Luft gegriffen scheint der Zusammenhang deshalb nicht. Bevor der Kopfball beim Fußball verboten wird, dürften allerdings noch weitere Belege notwendig sein.



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