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Gesundheit – 16.09.2014

Suspense: Wachkoma-Patient reagiert auf Hitchcock-Film

Dass ein Vater seinen 34-jährigen Sohn über Jahre hinweg jeden Mittwoch zum Kino einlädt, wäre nicht weiter bemerkenswert, wenn der Sohn nicht vor 16 Jahren bei einem Hirntrauma das Bewusstsein verloren hätte und sich seither im Wachkoma befindet. Vater und Sohn können sich deshalb im Anschluss an den Kinobesuch nicht über den Film unterhalten. Doch der Vater ist felsenfest davon überzeugt, dass sein Sohn dem Inhalt folgen kann. Das dürfte ihm kaum jemand glauben, außer dem Hirnforscher Adrian Owen von der Universität von Western Ontario in London/Kanada.

Owen hat in einer Studie zunächst 12 gesunden Probanden eine achtminütige Kurz­version von „Alfred Hitchcock zeigt: Peng! Du bist tot“ vorgeführt, während sie in einem Kernspintomographen lagen. In dem kurzen Fernsehfilm findet ein sechsjähriger Junge die Pistole seines Onkels, lädt sie und richtet sie dann ziellos auf Personen seiner Umgebung.

Das ist ungemein spannend und löste bei allen Probanden ähnliche Muster in der Hirnaktivität aus, wie die Aufnahmen mit der funktionellen Kernspintomographie zeigten. Die Spannungsmomente des Films reizten nicht nur die okzipitale Sehrinde, sondern auch parietale und frontale Regionen der Cortex, die für exekutive Funktionen („Verstand“) zu­ständig sind. Diese Hirnaktivität fehlte in einer zweiten Gruppe von gesunden Probanden, denen ein zufälliger Zusammenschnitt der Szenen ohne erkennbaren Inhalt gezeigt wurde.

Owen hat auch zwei Patienten untersucht, bei denen ein „Minimaler Bewusst­seinszustand“ (MCS) beziehungsweise ein „Vegetativer Zustand“ (VS) diagnostiziert worden war. Beide waren wach, zeigten jedoch nur episodenhaft (MSC) oder gar keine äußeren Anzeichen (VS) eines Bewusstseins, das heißt sie reagieren nicht offensichtlich auf äußere Reize.

Doch bei dem einen der beiden Patienten, laut einem Bericht in Nature war es der regelmäßig von seinem Vater ausgeführte Sohn mit VS, konnte Owen in der funktionellen Kernspintomographie die gleiche Aktivität in den exekutiven Zentren des Gehirns entdecken wie bei den Gesunden. Für den Hirnforscher steht deshalb fest, dass der Patient über ein Bewusstsein verfügt, das er aufgrund seiner Hirnschäden jedoch nicht artikulieren kann.  

Owen erregte vor acht Jahren Aufsehen, als er ebenfalls mittels der funktionellen Kernspintomographie zeigen konnte, dass eine Unterhaltung mit einer 23jährigen Frau mit VS bestimmte Muster der Hirnaktivität im Gehirn auslöst (Science 2006; 313: 1402). Später berichtete Owen über 5 Patienten (vier mit VS, einer mit MSC), aus einer Gruppe von 54 Wachkomapatienten, die bei Ansprache bestimmte Hirnareale aktivierten (NEJM 2010; 362:579-589).



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