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Vom Arztdasein in Amerika – 09.09.2014

Zu viele Spezialisten?

Es war meine erste Nachtschicht in einem mir bis dahin wenig bekannten kleinen ländlichen Krankenhaus in Minnesota. Es war ein schöner Spätsommertag und eigentlich zu schade, um ihn arbeitend zu verbringen – aber in den USA arbeitet man als Arzt bekanntermaßen viel.

Ich bin mittlerweile erfahren darin, in unterschiedlichen Krankenhäusern zu arbeiten, habe knapp zehn verschiedene Krankenhäuser in den letzten zwei Jahren kennenlernen können, mache das sogar ganz gerne, und war daher nicht weiter besorgt, diese Nachtschicht zu machen. Ich hatte sogar vormittags in einem anderen Krankenhaus Visite gemacht und fühlte mich irgendwie bereit, noch mehr Patienten zu sehen, noch mehr zu arbeiten. Komisches Gefühl.

Um 21 Uhr abends erhielt ich plötzlich einen Notanruf auf mein Krankenhaustelefon: Eine 80-jährige Patientin, die mit Schlüsselbeinbruch und allgemeiner Schwäche vor zwei Tagen aufgenommen worden war, war innerhalb weniger Minuten schwerst luftnötig und nicht ansprechbar geworden. Ich eilte zum Patientenzimmer und traf zwei Minuten später bei der mir unbekannten Patientin auf der mir unbekannten Station bei mir großteils unbekannten Krankenschwestern ein. Ich war der einzige Arzt im Zimmer, der einzige auf Station, der einzige der in dem Moment zur Verfügung stand.

Schnell war klar, daß die Patientin intubiert werden musste, dass wir intravenöse Zugänge brauchten, Blutentnahme, CT-Diagnostik und allerlei andere Interventionen zu machen waren. Für all diese Dinge wurden eigens dafür zugewiesene Personen angepiepst und eilten einer nach dem anderen ins Zimmer. Außerdem war schnell klar, dass die Patientin nicht in diesem ländlichen Krankenhaus bleiben konnte – spätestens als ich die Beamtungsmaschine, das völlig veraltete Gerät, sah musste ich das lächelnd einsehen.

Während also die Diagnostik lief, ich zum Teil bei allem mithalf, allerlei Anweisungen gab und Diagnostik erhielt und interpretierte, musste ich die Hubschrauberverlegung in das große Hauptkrankenhaus der Mayo-Klinik veranlassen. Ich rief den Intensivmediziner – aber erst einmal mußte ich die Nummer finden – an, der mir nach wenigen Minuten klar machte, dass ich aufgrund einer eher als geringgradig einzustufenden EKG-Verän­derung den kardiologischen Intensivmediziner kontaktieren sollte.

Er fühle sich nicht verantwortlich. Bumm, bzw. im Zeitalter der digitalen Telefone wird gedrückt, es wurde aufgelegt. Dieser spezialisierte Kardiologe meinte ebenfalls, nachdem ich die Befunde kurz mit ihm besprach, dass er nicht zuständig sei und ggf. der neurologische Intensivmediziner die Patientin annehmen sollte. Bumm, wieder aufgelegt. Und so sprach ich mit einem Arzt nach dem anderen – auch den Notaufnahmearzt kriegte ich an die Strippe – bis die Patientin, die ich zum CT begleitet hatte, nebenbei die CTs selber befundend (Verdachtsdiagnose Lungenembolie und ggf. Aspirations­pneumonie), den hervorragend mitarbeitenden Krankenschwestern Anweisungen gebend, via Hubschrauber in die Luft und zum Mayo-Klinik-Krankenhaus entschwunden war und somit die Ärzte dort vor vollendete Tatsachen stellte.

Es war selbst während des Fluges nicht ganz klar, wohin sie gehen sollte, und das wurde bis zur letzten Minute mit mir debattiert – am Ende kam sie, wie schon von Anfang von mir gewollt, auf die allgemeine medizinsiche Intensivstation. Immerhin ging es ihr besser durch die Interventionen und war nun am richtigen Ort.

Aber ein schaler Nachgeschmack blieb: Zuviele Spezialisten verderben zwar nicht unbedingt den Brei, aber machen es deutlich schwieriger, ihn herzustellen. Das ist typisch für die USA: Es gibt dort sehr viele Spezialisten, ein Fachmann für fast alles. Es wurde mir einmal mehr bewusst, dass man das System gut kennen muss, um den richtigen Spezialisten zum richtigen Zeitpunkt an der Hand zu haben, denn sonst verliert man viel Zeit beim Suchen und Herumtelefonieren.


Leserkommentare

ediestel am Samstag, 4. Oktober 2014, 04:43
USMLE mit 50
Lieber Kollege,
USMLE mit 50 ? Kommt darauf an.

Natürlich ist es nicht zu spät. Hier im Folgenden mal Ihr Fahrplan:

USMLE I und II etwa 18 Monate. Vorsicht: die Prüfungen sind machbar, man muss aber ganz genau wissen, wie man sich vorbereiten muss. Diese Info gibt es - in den USA.
Dann Bewerbung an einem Krankenhaus in einer unterversorgten Region als 'resident' - Bewerbung plus Absolvierung der 'residency' - 3 1/2 Jahre.
D.h.: Sie koennen in 5 Jahren als Internist hier in den USA anfangen. Den Neurologen lassen Sie besser zu hause - der interessiert hier nicht.

Im Anschluss daran können Sie ein sehr angenehmes Berufsleben mit etwa 200.000 - 220.000/Jahr Gehalt erwarten, in einem wunderschönen Land. Vorsicht: Deutschland ist eines der absolut schönsten Länder der Welt.

Wir 'arbeiten' hier zwar viel, aber der Stress ist ein ganz anderer als in Deutschland - recht verträglich, wenn man nicht alles zu ernst nimmt.
Bezueglich Gehalt: Vorsicht: 'richess have wings' - Geld hat Fluegel. Reichtum, der Sie unabhängig macht, ist bei Ihrem Fahrplan nicht mehr möglich.

Fazit: wenn Sie Lust auf ein Abenteuer haben - dann nichts wie los. Das Alter spielt in diesem Fall keine Rolle, m.E..
Der grosse Vorteil ist, dass Sie dem z.T. etwas unglückliche deutschen Gesundheitswesen entkommen können. Der Nachteil ist, dass Sie jeden Tag an die Heimat denken werden, und gerne wieder zurückkehren würden.
(was Sie dann aber doch nicht tun, weil Sie keine Lust haben unter einem Chefarzt zu arbeiten ! )

Vorsichtiger Alternativvorschlag: arbeiten Sie als Arzt im Missionsdienst. Macht genauso viel Spass. Diesen Vorschlag erwähne ich, um meinen Beitrag zu relativieren: Ich glaube schon, dass man ausserhalb des deutschen Krankenhausbetriebs zufriedener sein kann als innerhalb. Dies muss aber nicht zwingend in den USA geschehen, sondern es gibt eine Reihe von Möglichkeiten, die - je nach Charakter - offenstehen.

Kurz: Nein, Ihr Alter ist absolut kein Hinderungsgrund.
Patroklos am Donnerstag, 11. September 2014, 10:38
Bermuda-Dreieck.
Erstaunlich, wie das mit dem "Versenken-Wollen" immer wieder funktioniert.
Je komplexer und differenzierter ein Gesundheitssystem konstruiert ist, desto eher hat jeder "gute Gründe", Patienten abzulehnen. Seien es nun organisatorische oder eben auch fachliche.
Das scheint mir die Kehrseite der Spitzenmedizin zu sein. Hoffentlich gibt es da nicht irgendwann einen "turning point", der die theoretisch gute medizinische Versorgung praktisch unmöglich macht.
avisena am Mittwoch, 10. September 2014, 15:23
USMLE und Arbeiten in USA
Hallo liebe Kollegen, die USMLE gemacht haben und eventuell da gearbeitet haben! Wo jetzt Amerika viele Ärzte braucht ( im Jahr 2020 bis 92000 Ärzte), lohnt es sich jetzt USMLE zu machen und dahin zu gehen?! Ich bin 50 J. und bin Facharzt für Neurologie! Oder mit diesem Alter ist zu spät?! Danke für euren Rat und Tipps!

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