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Vom Arztdasein in Amerika – 22.08.2014

Können Sie sich das Medikament leisten?

In den USA wird offen über Geld gesprochen, oft hierüber nachgedacht und viele junge Menschen geben als großen Lebenstraum an, nicht unbedingt glücklich, sondern eben reich sein zu wollen. Klar, es ist auch eine materialistischere Gesellschaft als man sie aus Deutschland kennt.

Auch die Patientengespräche sind häufiger von finanziellen Fragen überlagert, gerade wenn es um teure Diagnostik und Therapie geht: So bat mich kürzlich ein Patient mit Pankreatitis um eine vorzeitige Entlassung, weil er sich das Krankenhaus nicht leisten könne. Ein anderer lehnte eine MRT-Untersuchung ab „weil das einfach zu teuer für mich wird”.

Besonders deutlich wurde das für mich kürzlich, als ich zwei Patienten mit einer ähnlichen Erkrankung zeitgleich im Krankenhaus behandelte. Beide hatten eine pseudo­membranöse Kolitis entwickelt, die mittlerweile zum dritten Mal und trotz Vancomycin-Therapie rezidiviert war und lagen nun mit Dehydrierung und massiven Durchfällen im Krankenhaus. Die Fäkaltransplantation stand nicht zeitnah zur Verfügung und so entschied ich mich, weil nur eine bedingte Besserung trotz Doppeltanbiotikagabe (Metronidazol, Vancomycin) eingetreten war, das neue und leider teure Antibiotikum Fidaxomicin zu verschreiben.

Aber ehe ich das tun durfte, musste ich mit den Versicherungsgesellschaften und Patienten besprechen, ob sie die Kosten tragen würden – diese Bürde wurde mir deswegen auferlegt, weil Fidaxomicin nur geringgradig besser als Vancomycin ist, die Patienten sich zwar langsam, aber doch klinisch erkennbar besserten, somit also keine starke Indikation gegeben war und in Zeiten enger werdender Budgets eben auch Krankenhäuser zusehen müssen, nicht auf ihren Kosten sitzen zu bleiben.

Eine der beiden Patienten lehnte ab als sie die Selbstbeteiligungskosten hörte - „lassen Sie uns Vancomycin und Metonidazol noch ein wenig probieren”, wie sie mir sagte – die andere erklärte sich unumwunden bereit, die Selbstbeteiligung in Höhe von $1460,59 für die zehntägige Therapie zu bezahlen. Der Ehemann zückte sogar gleich das Scheckbuch, was zwar unnötig war, aber eben seine Ernsthaftigkeit unterstreichen sollte. Erst nach diesem Gespräch und Versicherung konnte ich die Therapie bei einem der beiden anordnen.


Leserkommentare

dr.med.thomas.g.schaetzler am Samstag, 23. August 2014, 13:05
"Amerika, Du hast es besser"???
Habe ich hier schon einmal zitiert: "Den Vereinigten Staaten | Amerika, du hast es besser | Als unser Kontinent, das alte, | Hast keine verfallene Schlösser | Und keine Basalte." (Johann Wolfgang Goethe, 1827). Dass wir dafür EU-weit und in Deutschland Sozialversicherungsabkommen bzw. umfassende Renten-, Sozial- und Gesetzliche Krankenversicherungssysteme mit oder ohne Selbstbeteiligung beitrags.- bzw. staatsfinanziert haben, konnte der Dichterfürst damals wirklich nicht wissen.

Auf meiner ALASKA-Rundreise habe ich so manche Menschen getroffen, die mit schweren Hüft- und Kniegelenk-Schädigungen kein Geld für ihre dringend indizierte TEP-OP hatten. Die sich mit erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen täglich zur Arbeit schleppen müssen.

Am "Moose(Alaska-Elch)-Pass" traf ich eine 69-jährige Patientin mit dem klinischen Vollbild der Parkinson-Krankheit (PD) - Tremor, Rigor, klassisches Zahnradphänomen und "Risus sardonicus", die ihren kleinen, heruntergekommenen Coffee-Shop (nein, n i c h t die aus den Niederlanden) gar nicht mehr bewirtschaften und bedienen kann, aber kein Geld für Arzt oder Medikamente hat. Als Selbstständige kommt sie auch nicht so einfach in "ObamaCare" unter.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
R. Frank am Samstag, 23. August 2014, 07:27
Sozialstaat USA - Vorbild!
Die Politiker in Europa, besonders die deutschen, verhandeln gerade darüber, die Regeln für die Unternehmen einerseits und für die Leistungen für die Bürger andererseits beiderseits des Atlantik einander anzupassen (TTIP). Belastungen der Bürger, wie die beschriebene Verteuerung der Medizin in den USA, entsprechen dabei dem Geschmack einer europäischen Politik, die die Rettung des Finanzkapitals, d. h. ihrer wesentlichen Einnahmequelle und ihrer Schulden, als existentiell ansieht. Der Mehrheit der Bürger will diese Politik mit ihren Zumutungen. Angesichts der darin enthaltenen Einschränkungen des bezahlbaren Zugangs zu Gesundheitsleistungen kann der Einzelne nur versuchen, seine Gesundheit zu pflegen, Schäden zu meiden, insbesondere solche aus hoher Arbeitsbelastung, und seinen Bedarf an Medizin überhaupt zu verringern.

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