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Dr. werden ist nicht schwer... – 07.08.2014

Babyphonische Sprachverwirrung – Ihre Hilfe wird erbeten

Es sollte allgemein bekannt sein, dass in der Schweiz anders gesprochen wird als in Deutschland und ich hoffe, dass Euch Lesern aus meiner ersten Phase dort in Erinnerung geblieben ist, dass hochdeutsch mit Schweizer Akzent und Schweizerdeutsch zwei unterschiedliche Paar Schuhe sind. Allerdings gelten auch für den normalen Sprachwortschatz im Hochdeutschen Unterschiede. Wer sich dafür interessiert kann die Bedeutungen von „Kollege“, „schmecken“, „auch schon“, „allfällig“ usw. in zahlreichen Foren und Blogs nachlesen.

Wer allerdings Menschen hören will, die sich sprachlich auf unterschiedlichem Niveau bewegen, muss gar nicht ins Ausland reisen. Es genügt, Medizinern zuzuhören. Ebenso wie bei den Juristen treibt das Wegbröckeln des einst aus Latinum und Graecum gefertigten Fundaments der Fachsprache erstaunliche Blüten, die (vom allgemeinen Werteverlust befruchtet) in allen Bereichen Duftmarken setzen.

Neulich saß ich in einer der seltenen Pausen mit ein paar Kollegen zusammen, und wir philosophierten über Medizin als Fachsprache. Wir steigerten uns in Bereiche, in denen mangels Wissenskongruenz die jeweils am meisten überzeugend dargestellte Aussage angenommen werden musste. Somit trugen wir in einem Stil, der unsere Lehrer ganz sicher zur Verzweiflung gebracht hätte, Dinge zusammen, die unsere Lehrer in den Wahnsinn getrieben hätte.

Da jeder zugeben musste, fast alle der erwähnten sprachlichen Falschanwendungen selbst schon begangen zu haben, bekam unser Lästerfeldzug durch Kollegenzitate einen weniger arroganten Anstrich. Hier ein paar Auszüge:

„Wir verabreichten dem Patienten zur Antibiose…“ – Hier keimte eine kleine Diskussion auf, weil man entgegen so manch oberärztlicher Korrektur das Wort „Antibiose“ zumindest in einigen Fällen verwenden können sollte. Jedoch ist meist „Antibiotikatherapie“ gemeint, wenn „Antibiose“ gesagt/geschrieben wird.

„Oralisieren“ – Bei diesem Wort herrschte hingegen Einigkeit. Selbst wenn die dauerhafte Anwendung dieser Wortkreation dieser auf lange Sicht eine Bedeutung zu geben scheint, ist und bleibt sie eines: einfach nur furchtbar. Einige wollen analoge Kreationen wie „Clexanisieren“ vernommen haben. Während man das Suffix „-isieren“ im Zusammenhang mit „Clexane“ als sprachlich korrekt bezeichnen darf, ist sie als Ersatz für die Umstellung eines Medikaments auf die perorale Anwendung immer noch falsch und klingt zudem… (naja).

„Der Patient hat VAS 3“ – Die visuelle Analogskala ist in Wahrheit eine numerische. Eigentlich logisch… Aber wie klingt „ich habe NAS 2“?

„Nach der Operation wurde rasch eine Restitutio ad Integrum erreicht.“ – Diese Formulierung postuliert eine postoperative Heilung ohne Narbengewebe. Ein schönes Beispiel dafür, wie (stolz) wir bisweilen unsere letzten nicht dem Englischen entstammenden Fachbegriffe in den Ring schicken.

„Die Untersuchung war o.B.“ – Geht nicht. Wer untersucht, der hat einen Befund. Also war die Untersuchung in diesem Fall „o.p.B.“.

„Haben sie das Antibiotika genommen?“ – Kein Kommentar…

„Die Szintigraphie ist bland“ – Heutzutage ist alles „bland(e)“, was nicht pathologisch ist. In wenigen Fällen der Anwendung dieses Wortes kann man es durch seine eigentlichen Synonyme („mild“, „nicht auf einer Ansteckung beruhend“, „reizlos“ oder „ruhig verlaufend“) ersetzen.

„Der Patient wurde morphinpflichtig.“ – Auf welcher Ebene wird eine Pflicht verletzt, wenn der Patient dieser nicht nachkommt? Welche Strafe blüht dem Arzt, der erfolgreich eine alternative Therapie anwendet (aber diese Pflicht vernachlässigt)? Eine Indikation ist keine Pflicht. Ein Bedarf auch nicht…

„Operation mit Nerverhalt“ – Der Unterschied zwischen „Erhalt“ und „Erhaltung“ ist nicht ganz so gravierend wie der zwischen „Unterhalt“ und „Unterhaltung“. Dennoch wäre eine „Operation mit Nerverhalt“ entgegen der gemeinten „Nervenerhaltung“ ein Eingriff, der dazu führt, dass jemand einen oder mehrere Nerven bekommt, die er/sie vorher nicht hatte.

„CAVE“ – Es gibt immer mehr Menschen, die es dem Englischen zuschreiben und entsprechend aussprechen. Womit nicht behauptet werden soll, dass es das englische Wort „cave“ nicht gibt…

Ich hatte mal einen Oberarzt, der die Abkürzung für Probeexzision „PE“ in allen Fällen dekliniert – und was wesentlich schwieriger zu verstehen war – auch in allen Zeiten konjugiert hat. Peieren (aus dem zweisilbigen „PE“ wird das einsilbige Präfix „pe-“) war sein Ding: „Das sah komisch aus, das habe ich peiert.“

Kam sich nach dieser Pause richtig schlau vor, bis ihm das Wort "Antibiose" rausrutschte,

Euer Anton Pulmonalis

P.S.: Nur für den Fall, dass ich mal wieder in den Genuss einer kollegialen Kaffeepause kommen sollte, möchte ich Euch, meine lieben Leser, darum bitten, dass Ihr mir weiteren Input zur Fortsetzung der Runde gebt. Was für Sprachperlen sind Euch aufgefallen?


Leserkommentare

EEBO am Freitag, 8. August 2014, 20:31
So Dinge, die den Altsprachler erzittern lassen,
wie "Dekubiti" (auch wenn eingedeutscht, ist der Plural im Lateinischen decubitus), anstelle von z.B. Dekubitalgeschwüren, oder auch die gar verstümmelnden Mehrzahlen des so harmlos scheinenden Wortes Mamma (womöglich sollten wir diese wunderhübschen Schöpfungen der Natur doch lieber ganz einfach als Brüste bezeichnen).

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