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Praxistest – 06.08.2014

Engagiertes Arbeiten im PJ

Jetzt kurz vor Ende meines Chirurgietertials wollte ich noch über einen besonderen Kommilitonen schreiben. Ich selbst habe nie mit ihm auf der gleichen Station gearbeitet, aber beim Mittagessen in der Mensa haben die anderen PJler gerne über ihn geredet.

Selbstverständlich ist das Chirurgietertial nicht jedermanns Geschmack. Besonders internistisch interessierte Studenten können herzlich wenig damit anfangen, wenn sie im OP assistieren sollen, um dem Operateur sein OP-Gebiet mit Haken und Sauger freizuhalten. Mir hat einmal ein solcher Student gesagt, operieren wäre wie Kino, aber wenn man eine bestimmte Operation einmal gesehen hätte, dann wisse man ja, wie sie ablaufe, und müsse das nicht jeden Tag mit ansehen. Eine interessante Vorstellung über die tägliche Arbeit eines Chirurgen. Ich glaube aber, ich würde über Internisten auch so ähnlich sprechen.

Von besagtem PJler jedoch wusste ich, dass er bereits eine Stelle in der Herzchirurgie sicher hat und demnach eher kein Internist werden will. Vor allem durch seine Dr-Arbeit und weitere Projekte in der Forschung dort hat er sich beim Chefarzt schon einen guten Ruf erarbeitet. Und er hat dort einen Teil seines Chirurgietertials wohl sehr engagiert abgeleistet und war sehr darauf aus, dass sein zukünftiger Chefarzt von ihm nur das Beste denkt, inklusive natürlich regelmäßiger Präsenz außerhalb der Pflichtarbeitszeiten und aktiver Teilnahme an den Chefvisiten. Das war zumindest immer wieder im Gespräch mit anderen Studenten beim Mittagessen herauszuhören.

Immer wieder war auch die Rede davon, dass er wohl sehr effektiv und zielstrebig arbeite. In seiner Zeit in der Unfallchirurgie war von diesem Engagement allerdings nicht viel zu sehen. Er war laut den Aussagen am Mittagstisch nur drei von fünf Tagen pro Woche anwesend, ohne Rücksicht auf seine Kommilitonen, die die Arbeit schließlich ohne ihn erledigen mussten, und ohne Absprache mit den Ärzten. Wie es bei solchen Gerüchten ist, soll es auch ein Handyfoto von ihm geben, das ihn im obersten Stock des Chirurgiegebäudes zeigt, wo er auf dem Balkon im Liegestuhl sitzt und sich entspannt. Zudem soll er bei einer langweiligeren Operation einfach gegangen sein.

Ich will nicht behaupten, dass alles im PJ schön ist und man immer und überall lernen kann, das wäre eine Illusion. Aber warum verhält man sich so? Letztlich müssen die anderen PJler die Arbeit auffangen, die er liegen lässt. Unkollegialität ist unter Ärzten zwar nicht unbekannt, aber muss man bereits im PJ damit anfangen? Wo liegt da der Sinn, sich seinen Ruf schlecht zu machen, indem man sich von den „niederen“ Aufgaben drückt und seinen Kommilitonen überlässt?

Ich selbst merke auch, dass ich mit bestimmten Fachrichtungen und Tätigkeiten nichts anfangen kann und meine Motivation entsprechend schnell sinkt. Aber mit der Aussicht, nach einem Monat Praktikum wieder gehen zu können, sollte man sich doch auch zusammenreißen und unbeliebte Aufgaben erledigen können. Wo kämen wir hin, wenn jeder nur das macht, was ihm Spaß macht?

Letztlich stand sogar die Anerkennung seines Tertials auf dem Spiel, weil dieses Verhalten den Ärzten in der Unfallchirurgie aufgefallen ist. Der Schein, dass man im PJ nur eine austauschbare kostenlose Arbeitskraft unter vielen ist, trügt offenbar. Man sollte also nicht leichtfertig denken, dass man nicht bemerkt wird, auch wenn man nach kurzer Zeit wieder weg ist. Diese Erfahrung habe ich in der neurochirurgischen Intensivstation auch gemacht, zum Glück im positiven Sinne.


Leserkommentare

Henry I am Sonntag, 10. August 2014, 11:12
bösmensch
Liebe/r bösmensch,
wenn die Arbeitenden ausgebeutet werden (worin ich zustimme), und dann noch die nicht Arbeitenden alimentieren müssen, wie sollte dann ein "BGE" die Ausbeutung reduzieren?
Es würde ganz im Gegenteil, die Ausbeutung maximieren, wer dann noch arbeitet, ist der Dumme.
Und natürlich gibt es mehr als genug Arbeit für alle, man muss vor allem den ausbeutenden Steuerstaat reduzieren.
Henry I am Freitag, 8. August 2014, 21:29
Kollegenschwein?
Bzw. Kommilitonenschein...
Nein, ganz im Ernst, wenn man ein bestimmtes Fach aus möglicherweise verständlichen Gründen nicht leiden kann, braucht man sich sicherlich nicht hervorzutun. Aber sich einfach abzuseilen und den Kommilitonen die Arbeit zu überlassen, ist Mist.
Das Verhalten des besagten Studenten wird allerdings noch von "bösmensch" getoppt, welcher offensichtlich ernsthaft glaubt, ausgerechnet ein "bedingungsloses" Grundeinkommen könnte solchen Auswüchsen Abhilfe schaffen.
Denn jedes Einkommen, welches Wert darstellt, ist von Menschen unter entbehrungsreichen Bedingungen (Arbeit) erwirtschaftet worden.
Einkommen, welches Wert darstellt, an Menschen zu verteilen, die nicht arbeiten, bedeutet die Ausbeutung der Arbeitenden...sogar "richtige" Sozialisten wissen das...
Danoelmeia am Donnerstag, 7. August 2014, 10:06
Studientag
Der Studientag steht nicht in jeder Approbationsordnung, also ist er auch nicht verpflichtend.

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