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Vom Arztdasein in Amerika – 04.08.2014

Der konfrontative Assistenzarzt

Seit zweieinhalb Jahren nun bin ich Facharzt, aber erst seit vier Monaten wieder an einem Lehrkrankenhaus tätig und damit zweitweise betreuender Arzt von Assistenzärzten. Nicht in allen Krankenhäusern werden in den USA Assistenzärzte eingesetzt – es gibt Lehr- und Nichtlehr­krankenhäuser – daher waren in meinen ersten beiden Facharztjahre keine Assistenzäzte um mich herum, aber nun ist das anders. Ich darf jetzt, muss aber nicht, Assistenzärzte anleiten und mache das auch gerne. Ich bin Lehrer und sie Schüler sozusagen.

Konkret sieht das in meinem Krankenhaus so aus, dass ich bei der Aufnahme zusammen mit dem Patienten bestimme, ob ich diesen alleine oder eben zusammen mit Assistenzärzten betreue. Ich kann weiterhin entscheiden, ob eine bestimmte Punktion wie Pleura- oder Lumbalpunktion von einem Assistenten unter meiner Obhut durchgeführt wird, ob ich sie selber mache oder einen Kollegen darum bitte.

Die einfachen Fälle nehme ich fast immer alleine auf, die spannenden bzw. komplexen mit den Assistenzärzten zusammen. Das mache ich deswegen so, weil ich in meiner Zeit als Asiistenzarzt eher die Herausforderung suchte und lieber den Patienten mit seltenem Karzinoidsyndrom oder fulminantem AIDS-Syndrom betreute, als die eher leichten Alltagsfälle wie Deliriumschub eines Dementen oder allgemeine Schwäche bei hochbetagten Patienten. Als Assistenzarzt will man die Breite des Fachgebietes kennenlernen, den Alltag lernt man sowieso nebenbei.

Alle Seiten profitieren von dieser Konstellation: Der Assistenzarzt strengt sich an, mich mit seinen klinischen Fähigkeiten zu beeindrucken und etwas zu lernen, ich strenge mich an, ihm vertrackte Feinheiten des Falles nahe zu bringen, dabei ebenfalls oft Dinge lernend, und der Patient hat nicht nur einen, sondern oft zwei oder drei Ärzte, dieihn betreuen – somit also Aussicht auf eine bessere Therapie und Diagnostik. Der Enthusiasmus bei einem besonders schwierigen Fall steckt uns oft alle an, und die Medizin, sowieso ein spannendes Fachgebiet, bereitet uns enormen Spaß.

Doch nun stelle ich fest, dass nicht jede Persönlichkeit mit jedem gut umgehen kann. Ich bin eher der sensible, kritikempfängliche und intellektuelle Arzt, der über Probleme gerne sinniert und diese im Einklang mit dem Patienten, der Krankenpflege und den anderen Ärzten behandeln möchte; aber nicht jedem liegt dieser Behandlungsstil.

Assistenzärzte, die schnelle und einfache Entscheidungen treffen, nicht lange mit komplexer Diagnostik umgehen und nur die aus ihren Augen aktuell wichtigsten Probleme angehen und den Rest dem Hausarzt überlassen wollen, passen eher nicht zu meinem sehr gründlichen, aber eher bedächtigen Behandlungsstil. Ja, ein bestimmter Assistenzarzt kommt mir dabei besonders in den Sinn, und er kommt mir sogar etwas schluderig vor. Wir sind eben unterschiedlich in unserer Herangehensweise.

Doch ich bin der leitende Arzt, die letzte Instanz sozusagen. Es bauen sich dann gelegentlich Konfrontationssituationen auf. Die kläre ich im direkten Gespräch, aber wie gehe ich damit um, wenn das direkte Gespräch nicht fruchtet? Konfrontiere ich bei jedem Fall den eher konfrontativen Arzt mit meiner Meinung und ärgere mich dabei über den aus meinen Augen unnötigen Streit?

Nein, ich mache es mir leicht: Wenn ich weiß, dass bestimmte Assistenten an einem bestimmten Tag Patienten aufnehmen, dann nehme ich den Patienten lieber alleine, also ohne assistenzärztliche Betreuung auf. Die massive Hyponatriämie oder der Morbus Cushing werden dann alleine von mir diagnostiziert und therapiert, und am Ende gibt es dadurch keinen Konflikt. Ein wenig tut es mir trotzdem um den Assistenzarzt leid, der hierdurch einen spannenden Fall und damit eine Möglichkeit weniger hat, etwas Neues zu lernen.


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