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Vom Arztdasein in Amerika – 23.05.2014

Diskrepanz

Im Flugzeug ging es auf Heimaturlaub nach Deutschland. Durch Zufall saß genau in meiner Reihe ein deutscher Arzt, Internist, ebenfalls in den USA tätig. Er war dort schon seit mehr als zehn Jahren, wobei seine US-Zeit als Forschungsaufenthalt begonnen hatte und dann immer dann immer länger geworden war. Mittlerweile arbeitet er irgendwo in der Mitte der USA als Hospitalist, ist also stationär tätig. Er schien Anfang 40 und hatte in naher Zukunft keine Absicht, nach Deutschland zurückzukehren, trotz seiner Sehnsucht nach der Heimat.

Als ich ihn fragte, wieso er in die USA gegangen sei, wollte sein Monolog kaum aufhoeren: Starre Hierarchien, inadäquates Pflegepersonal, mangelnde Ober- und Chefarztunterstützung, geringe Fortbildungsmöglichkeiten, unstrukturierter Klinikalltag, zu viele nichtärztliche Aufgaben wie Blutentnahmen, EKG-Schreiben oder Befunde faxen et cetera. Interessanterweise nannte er kein einziges Mal die pekuniäre Komponente, also eine im Vergleich zu den USA niedrige Vergütung oder hohe Steuern.

Direkt neben ihm saß eine seit vielen Jahren in Deutschland lebende EU-Bürgerin. Sie lauschte unserem Gespräch aufmerksam, beteiligte sich dann zunehmend und konnte nicht glauben, dass wir beide unzufrieden mit dem deutschen Gesundheitssystem seien. Sie selber, so ihre Meinung, hätte stets nur Gutes vom Gesundheitswesen gehört und fühle sich medizinisch gut aufgehoben. Unsere zum Teil sehr eindringliche Schilderungen berührten sie überhaupt nicht, und es blieb offensichtlich, dass sie das deutsche Gesundheitssystem als ein exzellentes betrachtete und uns nicht zu glauben schien.

Ich blieb mit der Frage zurück, wie diese Diskrepanz sein kann – viele unzufriedene Ärzte in Deutschland stehen vielen zufriedenen Patienten gegenüber. Die große Mehrheit bescheinigt dem System ja stets eine hohe Leistungsfähigkeit. Sehen die Ärzte in Deutschland alles nur viel zu schwarz oder lassen viele Bürger sich einfach nur von den Medien und Politikern täuschen


Leserkommentare

ediestel am Samstag, 4. Oktober 2014, 05:55
Aepfel und Birnen
Was hat die Zufriedenheit der Patientin mit der Unzufriedenheit der Aerzte zu tun ?

Ich kenne beide Systeme gut - USA/Deutschland. Nach meinem amerikanischen Empfinden werden Aerzte in Deutschland nicht gut behandelt, es tut dem Ethos des Berufs einfach nicht genüge. Ich erspare mir Einzelheiten aufzuzählen.

Es geht hierbei ausdrücklich keineswegs ums Finanzielle, sonder z.B. darum " warum gibt es einen weisungsbefugten Chefarzt ? " - was ist das für ein Blödsinn ?

Nein, deutsche Aerzte sehen es keineswegs zu schwarz. Sie haben ein Recht auf ein normales Leben. Nach 20 Jahren aufopfernder Arbeit höchstens Funktionsoberarzt ? - das kann es doch wohl nicht sein.
pmann am Sonntag, 7. September 2014, 14:01
Deutsches Gesundheitssystem
Vielen Dank für Ihren interessanten Blog. Ich war letztes Jahr auf Exkursion in LA im Rahmen meines MBA-Studiums "BWL für Mediziner", wir haben dort u.a. ein VA-Krankenhaus besichtigt, das von einem deutschen Arzt geleitet wird und das System sehr gelobt hat.
Ich habe inzwischen in 4 verschiedenen Ländern als Ärztin gearbeitet und kann das nur bestätigen: als Patient ist das deutsche Gesundheitssystem Luxus. Mit meiner Gesundheitskarte bekomme ich alles. In der Schweiz z.B. muss ich alles selber zahlen, in Grossbritannien ist die Qualität wegen knappen Ressourcen eine Katastrophe. Wir Deutschen jammern immer auf hohem Niveau: auch bei der Fussball-WM zählt nur der Sieg... Allerdings ist das deutsche Gesundheitssystem für das Personal eine Zumutung: Krankenschwestern bekommen einen Hungerlohn, das System ist so undurchdringlich wie unser Steuersystem (na gut nicht so schlimm wie das amerikanische), Patienten sind undankbar und haben viel zu hohe Ansprüche weil sie keine Ahnung haben, was wieviel kostet (z.B. wegen Rückenschmerzen seit 3 Wochen nachts um 3 in die Ambulanz zu gehen, obwohl man noch kein einziges Schmerzmittel eingenommen hat).
Fazit: jedes System hat seine Tücken...
Patroklos am Montag, 26. Mai 2014, 16:22
Betriebsblindheit.
Es scheint sich um eine Art systembedingte Betriebsblindheit zu handeln, da man als Arzt ja nur selten wie ein "Normalpatient" mit dem Gesundheitssystem eines Landes in Berührung kommt.
So sind die Kriterien des Arztes für ein gutes Gesundheitssystem eher auf die eigenen Arbeitsbedingungen, die technischen, menchlichen und finanziellen Ressourcen, die eigenen Karrieremöglichkeiten, die Arbeitsbelastung, eventuell auch die Verdienstmöglichkeiten usw. gerichtet.
Für Patienten gelten eher andere Kriterien für ein gutes Gesundheitssystem:
Erreichbarkeit, Bezahlbarkeit, Notfallversorgung, Wartezeiten, Eintrittsschwelle usw.
ralf.schrader am Sonntag, 25. Mai 2014, 09:51
Patientenerleben
Patienten erleben eine immer noch hervorragende Medizin, nicht so sehr das diese ummantelnde, zum Unternehmen verkommene Gesundheitswesen.
carlheinz.mueller am Samstag, 24. Mai 2014, 12:22
Selektiv emigrieren geht nicht
Das Problem ist doch, dass man nicht allein nur beruflich in die USA emigrieren kann. Man muss immer das ganze Paket nehmen. Aus zahllosen Gründen hätte es für mich hierzulande jedenfalls sehr viel schlechter werden müssen, bis ich es in Betracht gezogen hätte, meine Kinder dauerhaft in den USA großzuziehen.
ellsurex am Freitag, 23. Mai 2014, 23:24
Betr. Vergütung
da fällt mir die Aussage meines Studienkollegen ein (jetzt niedergelassener Kardiologe): "die jammern alle auf hohem Niveau, es gibt kaum einen Niedergelassenen, der weniger als 6Tsd netto verdient. Ich arbeite zwar viel, aber verdiene weit mehr als 10Tsd und bin zufrieden."
ellsurex am Freitag, 23. Mai 2014, 23:23
Betr. Vergütung
da fällt mir die Aussage meines Studienkollegen ein (jetzt niedergelassener Kardiologe): "die jammern alle auf hohem Niveau, es gibt kaum einen Niedergelassenen, der weniger als 6Tsd netto verdient. Ich arbeite zwar viel, aber verdiene weit mehr als 10Tsd und bin zufrieden."
Brech am Freitag, 23. Mai 2014, 23:10
Diskrepanz
Es nervt bei uns in Deutschland ja vieles. Dass selbst Oberärztinnen ihre Arztbriefe von Hand schreiben sollen, weil Schreibkräfte eingespart werden, Blutentnahmen, EKG-Schreiben usw durch Ärzte ( wo ist der betriebswirtchaftliche Nutzen?), aber wenigstens ist der Zugang zum Gesundheitssystem frei. Das gibt einem trotz allem ein gutes Gefühl von sozialer Gerechtigkeit.

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