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Gesundheit – 18.04.2014

Antibiotika als Wachstumsbeschleuniger beim Menschen

Die wachstumsfördernden Eigenschaften von Antibiotika, die in der Viehwirtschaft bereits in den 1940er Jahren entdeckt wurden und heute zum Schrecken vieler Infektiologen weit verbreitet sind, lassen sich auch beim Menschen nachweisen. Patienten, die über längere Zeit mit Antibiotika behandelt werden, nehmen häufig deutlich an Gewicht zu. Dies zeigt eine aktuelle Studie von Didier Raoult von der Aix Marseille Université.

Der Tropenmediziner berichtet über 48 Patienten, die aufgrund eines Q-Fiebers langfristig mit einer Kombination aus Doxycyclin und Hydroxychloroquin behandelt wurden. Dies geschieht manchmal, um dem Risiko einer Endokarditis vorzubeugen, die bei der Zoonose schnell tödlich enden kann. Während der 18 Monate langen Therapie kam es bei jedem vierten Patienten zu einer Gewichtszunahme um 2 bis 13 Kilogramm. Der Grund für diese „Mastbeschleunigung“ ist unklar. Allgemein wird eine Interaktion mit der Darmflora vermutet. Raoult kann an Stuhlproben der Patienten zeigen, dass es zu einem dauerhaften Rückgang bestimmter Bakterien (Bacteroidetes, Firmicutes und Lactobacillus) kommt. 

Eine echte Wachstumsbeschleunigung erzielen Antibiotika bei Kindern in Entwicklungsländern, die unter einer Mangelernährung leiden. Kanadische Public Health-Forscher haben jetzt in einer Meta-Analyse ausgerechnet, dass das Wachstum der Kinder in den ersten 12 Lebensjahren um durchschnittlich 0,04 Zentimeter pro Monat Antibiotikabehandlung zunimmt und sich das Körpergewicht um 23,8 Gramm pro Monat erhöht. So unglaublich dies auch klingen mag, Entwicklungshelfer denken derzeit darüber nach, ob sie mangelernährte Kinder nicht langfristig mit Antibiotika behandeln sollten. Dies wurde in einer Studie aus der Meta-Analyse in Malawi mit Erfolg praktiziert. Kinder, die zusätzlich zur Nahrung Amoxicillin oder Cefdinir erhielten, nehmen nicht nur schneller zu als andere Kinder. Die Antibiotika senkten auch das Sterberisiko signifikant.

Zu den zynischen Erkenntnissen der Entwicklungshelfer gehört auch, dass die verwendeten Antibiotika wesentlich kostengünstiger sind als die therapeutische Nahrung RUTF („Ready-to-Use Therapeutic Food“), die heute regelmäßig eingesetzt wird. RUTF, eine Mischung aus Erdnusspaste, Milchpulver, Öl und Zucker, angereichert mit Vitaminen und Spuren­elementen, kostet die Hilfsorganisationen etwa 50 US-Dollar pro Kind. Antibiotika sind oft für weniger als 10 Dollar pro Behandlung zu haben. In der Studie in Malawi erhielten die Kinder beides, RUTF und Antibiotika. Außerhalb der Studien dürfte die Versuchung, auf die kostspieligere der beiden Komponenten zu verzichten, groß sein.

Der Editorialist Zulfiqar Bhutta von der Aga Khan Universität in Karachi warnt im BMJ deshalb davor, ohne weitere Studien Antibiotika zur Behandlung der Unterernährung in den Entwicklungsländern einzusetzen. Auch dort könnte es schnell zur Ausbreitung von Resistenzen kommen, die ja auch in den reicheren Ländern insbesondere durch den unkritischen Einsatz von Antibiotika in der Pädiatrie gefördert werden.


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