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Studierender Blick – 17.04.2014

Ärztemangel

Wo liegt der Grund für den deutschen Ärzteschwund? Emigration, Generation Y, Zulassung über Numerus Clausus? Alle diese Theorien tragen durchaus valide Argumente, geben aber nur Bruchteile des eigentlichen Geschehnis wieder.

Der deutsche Ärztemangel ist ein Mythos. Ich möchte sicherlich nicht bestreiten, dass uns eine Vielzahl an Ärzten fehlen, um ein gesundes Gesundheitssystem zu ermöglichen. Dennoch treffen sowohl die Termini „Ärztemangel“, wie „Ärzteschwund“ schlichtweg nicht zu - denn sie implizieren, dass unsere Ärzte ähnlich wie ökonomische Ware in Herstellung und Nutzung quantifiziert werden können.

Ich möchte diesen Artikel und Ihre Aufmerksamkeit nicht damit verschwenden zu schildern, dass der Arztberuf nicht in entferntestem Sinne von einer „Ware" ausgeführt werden kann. Stattdessen möchte ich den wohl oder übel fundamentalsten Grund für den Notstand an Ärzten nennen: Akademisierung.

In Deutschland wurde die Akademisierung des ärztlichen Berufes viel früher als in anderen Ländern begonnen. Bereits im 18. Jahrhundert wurde die Zahnheilkunde und Chirurgie den Badern entzogen und professionalisiert. Vor dieser Akademisierung gab es überall im Lande Heilkräfte, wenn auch martialisch und unaufgeklärt. Durch die Einführung von heute selbstverständlichen Konventionen - medizinische Fakultäten in einer Vorreiterrolle nach Humboldtschem Bildungsideal - wurde irgendwann der Einstieg in den ärztlichen Stand rationiert. Die allermeisten Studien zum heutigen „Ärztemangel“ nennen nicht den Kern des Problems: wir können gar nicht so viele Ärzte ausbilden, wie wir benötigen, selbst wenn man Faktoren wie Auswanderung und Berufswechsel herausrechnet.

Wir durchleben keinen „Ärzte-Mangel“, sondern einen „Ärzte-Defizit“. Denn das rechnerische Problem in dieser Gleichung obliegt keiner Minderung in der Variable „Schicksal“ (Emigration, Berufswechsel, etc.), sondern in der Konstante „Studienplätze".

Um jedoch mehr Studienplätze anzubieten, wäre eine Entakademisierung kein valider Lösungsansatz im 21. Jahrhundert. Stattdessen kann ich der Deutschen Hochschulmedizin in ihrer aktuellen Sorgenstunde nur beipflichten: eine Maschinerie funktioniert nur so gut, wie sie geölt wird.


Leserkommentare

ArztundEuropa am Freitag, 25. April 2014, 07:16
Ps....
... da ich nicht genau weiss ,wie im Ausland Niederlassungen reguliert werden (ich galube in den Beneluxländern sind die Niederlassungen zum Hausarzt nicht beschränkt! Ich möchte ich das Beispiel Ausland aber jetzt hier rausnehmen und mich auf die Problematik in Deutschland konzentrieren.

Zulassungsbeschränkung vor dem Studium, nach dem Studium und offene Grenzen für Ausländer! Und diese Konkurrieren nicht mit den Deutschen, sondern werden bevorzugt eingestellt, weil Sie Kostengünstiger sind.
Wenn vor und nach dem Studium die Anzahl der Arbeitsplätze vom Staat kontrolliert werden, wird diese Berufsgruppe zur Marionette!!!
ArztundEuropa am Freitag, 25. April 2014, 06:59
Was auf keinen Fall geht.....
.... ist meiner Meinung nach, dass es eine Zulassungsbeschränkung für Medizin durch den NC gibt und nach dem Studium die KV die Niederlassungen beschränkt, da die Krankenhäuser auch nur ein bestimmtes Einstellungslimit haben und dann die "Grenze" für ausländische Kollegen uneingeschränkt und unkonntrolliert von der Ärztekammer geöffnet ist!!!
Während es in Europäischen Nachbarländern (wie unten beschrieben) genau umgekehrt ist, ( jeder darf Medizin studieren und anschließend nach dem Studium werden die Zulassungen zum Facharzt begrenzt)
ogerhardt am Donnerstag, 24. April 2014, 15:00
Angebot und Nachfrage
Wir haben das Problem immer grösserer Nachfrage nach medizinischen Leistungen durch die Bürger. Man betrachte nur die Wartezeiten bei vielen Fachärzten.
Die immer besser werdende Diagnostik fördert immer mehr kontrollbedürftige (oder auch nicht) Befunde zu Tage.
Die entscheidende Frage ist, ob die Gesellschaft/Solidargemeinschaft bereit und in der Lage ist, die dadurch entstehenden Kosten zu tragen. Notwendiges und Wünschenswertes müssten definiert werden.
Davor aber drücken sich alle Beteiligten: Regierung, Krankenkassen, KVen und die Ärzte selber.
Übrigens alles nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern von Prof. Hoppe schon vor Jahren als ÄK-Präsident gefordert
dr.med.thomas.g.schaetzler am Dienstag, 22. April 2014, 20:35
Defizite an Ärzten oder Defizite bei Ärzten?
Ob "Akademisierung", kein "Ärzte-Mangel" sondern "Ärzte-Defizit" sind doch nur historische bzw. semantische Spitzfindigkeiten. Denn wenn man die neuesten Arzt-Statistiken der BÄK genau liest und interpretiert und keine Vergleiche mit 1999 anstellt (15 Jahre her), ergeben sich folgende Fakten:

Zum Ende 2013 gab es lt. Bundesärztekammer (BÄK) 357.200 berufstätige Ärztinnen und Ärzte mit den unterschiedlichsten, auch völlig berufsfremden Tätigkeitsmerkmalen. Im Ruhestand bzw. o h n e Tätigkeit waren 113.000. Iim a m b u l a n t e n Bereich waren 145.900 tätig. Der stationäre, klinische Bereich hat sich wegen zunehmender Arbeitsteilung, Spezialisierung und Teilzeittätigkeit auf 181.000 Kolleginnen und Kollegen erhöht. In Behörden oder Körperschaften (außer im Bundesgesundheitsministerium!) arbeiteten 9.600, in anderen Bereichen 20.000. Als niedergelassene Vertrags-Ärzte arbeiten nur noch 123.600 Kolleginnen und Kollegen für knapp 81 Millionen Einwohner in Deutschland. Somit kommen bei uns zulande auf 1 Vertragsarzt/-ärztin 655 Einwohner. Alle anderen Zahlen sind Unsinn.

Berücksichtigt werden muss bei diesen Statistiken, dass a l l e Ärztinnen und Ärzte, die jemals eine Approbation in Deutschland erhalten haben und noch nicht verstorben sind, mitgezählt werden. Auch diejenigen, die dauerhaft im Ausland arbeiten.

Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbandes Bund (SpiBu) der Gesetzlichen Krankenkassen musste dazu twittern: "Selbst wenn hinter jedem Versicherten ein Arzt stünde, würden KBV und BÄK die Legende vom Ärztemangel erzählen". F. Lanz gehört unglückseligerweise zur Vertragspartnerschaft aller Vertragsärzte, der KVen und der GKV-Kassen. Es bleibt ein Rätsel, wie man derartig unintelligent argumentieren kann und zugleich in keinerlei Hinsicht am medizinischen Versorgungsauftrag innerhalb der GKV beteiligt ist.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
Patroklos am Dienstag, 22. April 2014, 10:51
Zahlen.
Die Quelle "http://www.bundesaerztekammer.de/downloads/stat13abbildungsteil.pdf" zeigt die aktuellen Ärztezahlen. Verglichen mit 1999 ist die Zahl der berufstätigen Ärzte in Deutschland absolut um 70.000, relativ um ca. 20% gestiegen. Der Anteil ausländischer Ärzte liegt bei ca. 10%. Im ärztlich am dichtesten besiedelten Bundesland Hamburg kommen 151 Einwohner auf einen berufstätigen Arzt.
Dies ist weltweit eine der höchsten Arztdichten. Von einem Ärztemangel zu sprechen, trotz demografischen Wandels und Generation- Y- typischen Änderungen der Arbeitswelt, halte ich für eine interessegeleitete Verfälschung der Tatsachen.
Die Anzahl der "Konstante Studienplätze" durch eine verbesserte finanzielle Ausstattung der Hochschulen zu erhöhen, wie von Ihnen indirekt gefordert, macht diese Falschaussage nicht richtiger.
Aus meiner Sicht sollte man sich eher mit der Frage beschäftigen, wie man einem Gesundheitssystem, das in vielen Bereichen marktwirtschaftlich ausgeufert und effizienzgesteigert ist, einen vernünftigen Rahmen erhält. Die Hinwendung zum Patienten ist schon unter die Räder gekommen, die Auswahl des Patientenstamms erfolgt nach Wirtschaftlichkeit, die Terminvergabe beim Facharzt erfolgt nach nicht mehr primär medizinischen Algorithmen, das medizinische Angebot wird auf Ertrag optimiert usw.
Diesen vollzogenen Paradigmenwechsel sehe ich mit viel grösserer Sorge.
ArztundEuropa am Dienstag, 22. April 2014, 07:16
Faktenscheck !
Es gibt ein Journal "Das Krankenhaus" Auflage 103 von 2011. Dort wird die Personalpolitik der Krankenhäuser angeschnitten.
Ich hoffe alle weiteren Aussagen wurden von dem Schreiber marchand schon gecheckt, nachdem ich schon auf die Herkunft der Statistiken und meiner Behauptungen verwiesen habe.
Anstatt den Artikel (Ärztemangel... wer's glaubt wird selig, s.o.) anzuzweifeln, sollte man sich mal Gedanken machen, ob sich die Ärzteschaft so etwas bieten lassen muss und was den Politikern in Deutschland ein Menschenleben wert ist.

Deutschland hat einen NC vor dem Studium, während in den viele EU Nachbarländern einen NC nach dem Studium haben. Das bedeutet, dass jeder in diesem EU Land Medizin studieren kann. Wenn anschließend dort die Anzahl der Ausbildung der Fachärzte von der Ärztekammer begrenzt wird kommen viele nach Deutschland. Dies bedeutet, dass jeder der Durchschnitt dieser Ärzte nach dem Studium viel jünger ist und mit viel älteren Deutschen Kollegen um eine Stelle konkurrieren. Diese Kollegen sind nicht nur preisgünstiger, sondern auch noch jünger.
Deutsche Kollegen brauchen einen NC. Dabei sind schon 10% der Studienplätze für Ausländer reserviert, d.h Ausländer wurden hier schon berücksichtigt.

Es gibt z.B einen griechischen Prof. in Westfalen-Lippe, der so viele Op's jährlich macht (10.000 Op's/jährl.), dass Ihm seine Verwaltung freie Hand in der Auswahl u. Anzahl bei der Einstellung seiner Assistenten gibt. Dieser Prof. verspricht jedem griech. Bewerber einen 6 Jahresvertrag, wovon die Assistenzärzte nur 1 Jahr in seiner Abteilung arbeiten sollen und die restlichen 5 Jahre auf die Nachbarkrankenhäuser verteilt werden!!! (folglich brauchen sich Deutsche Bewerber in seiner und im Umkreis seiner Klinik nicht mehr bewerben!!!)

Ich war Zeuge dieses Verfahrens!!! Ich habe mich bei der Ärztekammer beschwert, dass diese Stellen nicht ausgeschrieben werden und so unkontrolliert EU Ärzte und nicht EU Ärzte nach Deutschland kommen.
Die Ärztekammer in Westfalen- Lippe warf mir "Ausländerfeindlichkeit " vor und äußerte sich zu dem Thema weiter: "Die Ärztekammer hat keinen Einfluss auf die Einstellungspolitik an den Krankenhäusern!" Damit war das Thema für die Ärztekammer beendet!
Des weiteren möchte ich darauf hinweisen, dass ich lange recherchiert habe, auch bezügl. der Rentenanwartschaften der Versorgungswerke.
Wir haben im Gesundheitswesen keine Gewaltenteilung mehr, wenn der Kammerpräsident (Ärztekammer darf Gesetze erlassen) auch noch 1. Vorsitzender im Versorgungswerk ist und 10 Kammerpräsidenten 1. Vorsitzende des Marburger Bunds sind und wenn dann auch noch der Kammerpräsident Bundestagsabgeordneter ist
marchand am Montag, 21. April 2014, 20:45
Faktencheck bitte.
"Seit 2011 gibt es einen Einstellungsstopp an den Krankenhäusern für ärztliches Personal. "
Klar doch. Ich vermute, das ist der Grund, weshalb in unserer Großstadt die Mehrzahl der Krankenhäuser Daueranzeigen für ärztliche Stellen verschiedener Fachrichtung hat?!?
ArztundEuropa am Montag, 21. April 2014, 00:04
Ärztemangel ...... wer's glaubt wird selig. Unsere Ärztekammern sind sehr gut im Manipulieren bei der Auslegung von Statistiken
Auf der Internetseite der Bundesärztekammer gibt eine Statistik genaue Auskunft, in welchen Fachbereichen noch Niederlassungen möglich sind und zwar als Hausarzt oder im Bereich der Psychiatrie.
Das sind aber die Bereiche, die nicht attraktiv für unsere ausländischen Kollegen sind, denn diese bevorzugen attraktiven Städte und attraktive Kliniken, bevorzugt im chirurgischen Bereich.

Seit 2011 gibt es einen Einstellungsstopp an den Krankenhäusern für ärztliches Personal. Wer gut im recherchieren ist, findet die Literatur in einigen Krankenhauszeitschriften für das Krankenhausmanagement.
60% aller Ärzte (ca. 530.000 Ärzte) arbeiten im Krankenhaus.

Dieser Einstellungsstopp führt zu einem Ärztemangel.

Die KV begrenzt weiterhin die Niederlassungen. Westfalen-Lippe hat einen Mangel an Hausärzten, weil diese Bundesweit am Schlechtesten für Ihre geleistete Arbeit bezahlt werden.

Wie besetzt man Stellen (in den Krankenhäusern) , die nicht besetzt werden sollen neu???
Ganz einfach, indem man Stipendiaten auf die Stellen setzt. Was heißt Lohndumping durch Araber. Aber auch Niederländer und Österreicher arbeiten für niedrigere Gehälter.
Folgt man Internetseiten der Ärztekammer Westfalen-Lippe, die den "Facharztmangel" durch ausländische Arbeitskräfte beseitigen wollen, bei gleichzeitigem Einstellungsstopp für Deutsche Ärzte, so zeigt die Ärztekammer Westfalen-Lippe mit österreichischen Flaggen die Ärztemangelgebiete auf, wie z. B. in Detmold. Im Bereich der Unfallchirurgie/Orthopädie sind 10 von 10 Assistenzärzte Ausländische Kollegen. Von deutschen Bewerbern werden die Unterlagen 3 Monate liegen gelassen und dann eine Absage erteilt......

Ich habe Deutsche Kollegen bei Bewerbungsgesprächen getroffen, die mir sagten, dass Sie es nicht verstehen würden, dass Sie bei einem Ärztemangel gar nicht mehr zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden???

Da das Angebot ausländischer Kollegen so hoch ist, müssen die Bewerbungsgespräche für Deutsche bewusst nicht mehr freundlich ablaufen. Beleidigungen häufen sich ... vielleicht zieht dann der deutsche Bewerber seine Kandidatur freiwillig zurück.

Ich möchte hier keine Diskriminierung gegen Ausländer vollziehen, sondern die zunehmende Inländerdiskriminierung aufzeigen.
Unsere ausländischen Kollegen arbeiten unter dem Tarif des Marburger Bundes ohne Arbeitszeitgesetze.
Aber ....deutsche Kollegen sind im Vergleich zu unseren Kollegen im Europäischen Nachbarländer sehr alt, wenn Sie die Uni abgeschlossen haben. 85% der Ärzte sind über 35 Jahre bei einer Arbeitsaufnahme. Mit 30 Jahren sind Kollegen unserer Nachbarländer ohne NC Fachärzte.
Während man uns erzählt, dass nicht jeder Medizin studieren kann und ein NC her muss, zählt nach dem Studium nicht die Qualifikation sondern Lohndumping.
Deutsche Ärzte haben nur die Möglichkeit ins Ausland zu gehen oder in andere Berufe abzuwandern.
Laut einer Statistik der Bundesärztekammer wandern 50% der FACHÄRZTE in andere Berufe ab!!!
50% der FACHÄRZTE. Nach einer NC Hürde, Kontrollierten Bestehungsgrenzen an den Universitäten im Physikum und in den 3 Staatsexamen, nach den Kampf seinen Facharzt zu bekommen.... HÖREN 50% der FACHÄRZTE AUF.
Wo sollen sie auch hin! Aufgrund der Hierarchischen Struktur an den Krankenhäusern wird es nach "oben" in eng (viele Assistenzärzte, wenig Oberärzte, ein CA). Niederlassungen sind begrenzt, bei gleichzeitigem Einstellungsstopp an den Kliniken und Verbreitung durch die Ärztekammer (Herausgeber des Ärzteblatts), dass ein Ärztemangel herrscht um Ausländische Kollegen im Rahmen einer Willkommenskultur einzuladen. (damit Milliarden von €uros an Rentenausschüttungen eingespart werden)
Dann hört man von den Politikern, dass in Deutschland Fachkräfte gebraucht werden, während diese vom Jobcenter mit Eingliederungsverträge zum Putzen geschickt werden. Deutschland kann mit seinen Fachkräften doch Garnichts anfangen!!!
Das gibt es in keinem anderen Beruf, das kann man nur mit der "Geistigen Elite " Deutschlands machen.. wie war noch der Spruch? Je höher der EQ desto niedriger die Sozialkompetenz???
Jetzt wissen wir wenigsten, warum wir den NC brauchen!! Damit alle Ihre "Klappe" halten.

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