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Vom Arztdasein in Amerika – 31.03.2014

Das britische Gesundheitssystem – ein Alptraum?

Seit Jahren schon wohnen Freunde von mir – aus den USA nach London gezogen – in Groβbritannien. Sie sind Geisteswissenschaftler und zogen dorthin aus kulturell-intellektuellen Gründen: Sie fühlen sich dort auch aus jener Hinsicht quietschfidel. Finanziell und klimatisch ist es dann nicht mehr ganz so optimal in England, aber es sei zum Aushalten, wie sie mir stets mitteilen. Aber medizinisch fühlen sie sich dort immer unwohler.

Leider haben einige von ihnen im Laufe der Jahre chronische Erkrankungen entwickelt: Einer hat idiopathische Thrombozytopänie, bzw. Immunthrombozytopänie, ein anderer Morbus Crohn und eine dritte Person allerlei Menstruationsunregelmäβigkeiten und hormonelle Dysfunktionalitäten, zum Teil schon an einem Polyendokrinsyndrom erinnernd.

So erhalte ich seit vielen Jahren in unregelmäβigen Abständen Briefe mit medizinischen Leidensgeschichten und Symptomschilderungen, Labor- und Bildgebungsergebnisse aus Groβbritannien, stets mit der Bitte um eine virtuelle Zweitmeinung. Somit erhalte ich einen recht guten Einblick in das britische staatliche Gesundheitssystem NHS (National Health Service).

Was ich dabei erfahre, lässt mir die Haare zu Berge stehen: Es wird eine ressourcenarme Medizin – wohl aus Kostengründen – betrieben, bei der statt effektiver Medikation viel mit Antibiotika, Schmerzmedikamenten und Prednison gearbeitet wird, bei der halbherzig therapeutische und diagnostische Therapiepläne erstellt und umgesetzt werden, und viel zu spät modernste Medikation und Interventionen eingesetzt werden. Spezialisten scheinen nur begrenzt ihrer Rolle gerecht zu werden und der Hausarzt ( „allgemeiner praktizierender Arzt“ –general practitioner) ist dauerüberlastet. Alle wirken auf mich ein wenig hilflos. Das wirkt beängstigend, selbst wenn ich die Aussagen meiner Freunde cum grano salis nehme.

Denn das Resultat sind suboptimal behandelte Patienten, die statt gesund zu werden, einfach nur chronisch krank und von ihrer Krankheit gezeichnet bleiben. Das wirkt ganz anders als das manchmal zu agressiv auftretende US-System, bei der ein Kopfschmerz manchmal schon ein MRT des Kopfes nach sich zieht, und das Skalpell so locker sitzt wie der Colt.

Das britische System wirkt in seiner Ressourcenzuteilung auf mich europäisch, erinnert mich viel an meine Zeit in Deutschland und Frankreich. Das erschreckt mich, gerade weil in den USA immer und immer wieder auf Europa verwiesen wird als leuchtendes Beispiel bei den derzeit stattfindenen Reformen. Wissen die US-Politiker wirklich, wen sie sich da zum Vorbild auserkoren haben?


Leserkommentare

zehafue am Freitag, 4. April 2014, 12:53
NHS
Eine in London lebende Freundin berichtet, daß Ihre Hepatitis C erst nach der Überprüfung durch ein mehrköpfiges Gremium unter Kostengesichtspunkten für behandlungswürdig angesehen wurde. Termine bei einem Augenarzt bekomme sie nicht als NHS Patientein. Bei Barzahlung war ein Termin binnen einer Woche zu organisieren.
Einer meiner Patienten erlitt eine Beckenfraktur vom Open-Book-Type in Schottland, die operationspflichtig war. Der überörtliche Experte war in Urlaub. Eine adäquate Versorgung konnte regional nicht organisiert werden, da es keinen Vertreter gab.
Ich möchte nicht in GB verunfallen oder ernsthaft erkranken.
Dottori am Donnerstag, 3. April 2014, 19:57
Wissen die US-Politiker wirklich, wen sie sich da zum Vorbild auserkoren haben?
Bei allem Respekt für ihre Begeisterung für das US-System, sollten Sie nicht "europäische" Gesundheitssysteme in einen Topf werfen. Viele auf dieser Seite des Atlantiks performen nämlich nach wie vor besser:
http://www.huffingtonpost.com/2013/08/29/most-efficient-healthcare_n_3825477.html

Obwohl mir die Probleme des NHS durchaus bewusst sind, frag ich mich nur, warum Großbritannien bei niedrigeren Gesundheitsausgaben nach wie vor z.B. eine höhere Lebenserwartung sowie niedrigere Säuglingssterblichkeit (Quelle: CIA-Factbook) vorweist? Wahrscheinlich sind Ihre drei chronisch kranken Freunde doch nicht so repräsentativ für das britische Gesundheitssystem?

Mit freundlichen Grüßen
bwpsychiater am Donnerstag, 3. April 2014, 16:38
Die Versorgung in den USA
ist schon toll. Wenn man denn versichert ist und es sich dann leisten kann krank zu werden (Krankheitstag, Co-Pays etc.). Da lob ich mir doch das deutsche KV-System. Was zwar Lücken hat, aber Patienten wenigstens nicht ruiniert.
Lieber Herr Kollege haben Sie eigentlich schon darüber nachgedacht, wer ihre ärztelounge etc. alles finanziert und das Sie selber durch ein System ausgebildet worden sind, das durch Steuern von anderen finanziert worden ist. (Z.b. Friseuse, die 3.50€/h bekommt).
elisse am Mittwoch, 2. April 2014, 12:54
Anmassend?
Wie sich jemand, der dort nicht tätig ist oder war, anmasst, die medizinische Versorgung eines Landes (das die Benutzer selbst regelmässig als zufriedenstellend bewerten, und das auch erheblich besser Ergebnisse im internationalen Vergleich aufweist) an Hand unregelmässiger Berichte einzelner, zu beurteilen, ist mir schon schleierhaft.

mfg, el
Patroklos am Dienstag, 1. April 2014, 13:54
Statistik.
WHO- Zahlen(2010):
GB D USA
Lebenserwartung Männer 79 78 76
Lebenserwartung Frauen 83 83 81

Nun gut, es mag sein, dass diese Zahlen durch viele nichtmedizinische Ereignisse(z.B. Ableben durch Fremdeinwirkung) in den USA deutlicher beeinflusst werden und die Lebenserwartung tatsächlich nichts aussagt über die Lebensqualität chronisch kranker Menschen, aber persönliche Eindrücke können eben auch nur sehr begrenzt etwas über die Qualität des Gesundheitssystems eines Landes aussagen.
Insgesamt gerechter scheint mir das europäische Modell eines Gesundheitssystems allemal zu sein.

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