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Gesundheit – 19.03.2014

Meta-Analyse kippt Dogma: Gute Fette, schlechte Fette?

Zuerst hieß es, Fette sollst Du meiden. Plötzlich klebte an allen Nahrungsmitteln, dass sie fettarm sind. Sogar Gummibärchen waren jetzt fettfrei, auch wenn sie niemals Fette enthielten. Dann ging das Gebot aus, dass gesättigte Fette für die Atherosklerose verantwortlich sind. Statt Butter und Schmand sollte die Bevölkerung Margarine und Olivenöl verwenden, da diese den Cholesterinwert weniger stark ansteigen lassen, dessen Konzentration im Blut doch im Wesentlichen genetisch geregelt wird mit der Leber als wichtigstem Produzenten.

Vor allem die American Heart Association hat sich in den letzten Jahrzehnten für fettarme Diäten ausgesprochen. Dabei standen meistens pathophysiologische Überlegungen im Vordergrund. Die Evidenz aus epidemiologischen oder klinischen Studien war mager. Rajiv Chowdhury von der Cambridge Universität in England und Mitarbeiter kommen jetzt in einer Meta-Analyse aus 32 Beobachtungsstudien mit 530.525 Teilnehmern zu dem Ergebnis, dass der Anteil von gesättigten, einfach oder mehrfach ungesättigten Fettsäuren in der Ernährung keinerlei Einfluss auf die Häufigkeit der koronaren Herzkrankheit hat. Einzig der Verzehr von Transfetten war mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko verbunden (relatives Risiko 1,16; 95-Prozent-Konfidenzintervall 1,06 bis 1,27).

Auch die Einnahme von ungesättigten Fetten als Nahrungsergänzungsmittel, etwa in Fischölkapseln, hat sich nicht günstig ausgewirkt. Chowdhury konnte insgesamt 27 randomisierte klinische Studien aus­werten, die durch die zufällige Verteilung der Teilnehmer die Verzerrungen der Beobachtungsstudien vermeiden. Doch die Präparate mit Alpha-Linolensäure oder mit langkettigen Omega-3- oder Omega-6-Fettsäuren blieben in 27 randomisierten Studien mit 103.052 Teilnehmern ohne signifikante Auswirkungen auf die koronare Herzkrankheit.

Das sind ernüchternde Ergebnisse, die die Kardiologenverbände erst noch verdauen müssen. Die British Heart Foundation, die die Meta-Analyse mit in Auftrag gegeben hat, meint, dass die Meta-Analyse nur zeigt, dass die bisherigen Studien die Ernährungsempfehlungen nicht belegen, aber auch nicht widerlegen. Die American Heart Association warnte davor, dass die Studie die Verbraucher darüber täuschen könnte, was gute und was schlechte Nahrungsmittel sind. Beide Kardiologenverbände raten heute zu einer Mittelmeerdiät, die durch den hohen Anteil von Obst und Gemüse, Vollkornprodukten, Nüssen und Fisch den Anteil von gesättigten Fetten gering hält.

In diese Richtung geht auch die derzeitige Forschung. Die spanische PERIMED-Studie, eine randomisierte Studie, hat im letzten Jahr gezeigt, dass eine mediterrane Kost das Risiko von Schlaganfall und Diabetes senken kann. Chowdhury hat die Studie in der Meta-Analyse nicht berücksichtigt. Allein wird sie allerdings den Nutzen der mediterranen Diät nicht belegen können. Die beiden Kardiologenverbände halten weitere Studien für erforderlich. Ob sie durchgeführt werden, bleibt angesichts der hohen Kosten abzuwarten.

Angesichts der derzeitigen Adipositas-Epidemie gibt es keinen Grund, die Ernährung als Ursache von Krankheiten aus dem Blick zu verlieren. Viele Diätempfehlungen haben sich jedoch als kontraproduktiv erwiesen, da sie sich auf einzelne Bestandteile der Nahrung konzentrieren, dabei aber die Gesamt­menge der Kalorien außer acht lassen. Die bittere Wahrheit besteht wohl darin, dass die heutige Nahrung desto besser schmeckt, je mehr Kalorien sie enthält. Dabei ist es vermutlich nebensächlich, wie hoch der Anteil von Fetten, Kohlenhydraten oder auch Proteinen ist.


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