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Vom Arztdasein in Amerika – 20.02.2014

Die ärztlich tätige Krankenschwester

In einer der Januarausgaben des zweiwöchentlich erscheinenden Fachjournals des amerikanischen Hausärzteverbands, dem American Family Physician, wird gleich auf den ersten Seiten ein Leserbrief eines Arztes abgedruckt, der sich dafür ausspricht, mehr ärztlich tätige Krankenschwestern im Hausarztbereich einzusetzen (Volpintesta E: NPs, shorter training needed to fix workforce shortage in primary care. Am Fam Phys 2014: 89 [2]: 74). Das ist eine Diskussion, die in den USA nie zu enden scheint.

Doch für viele von uns Deutschen ist nicht ganz klar, was das eigentlich ist, eine ärztlich tätige Krankenschwester, von mir oft als ATK abgekürzt. Die ATK, im Englischen meistens als nurse practioner oder kurz NP bekannt, ist von der Ausbildung her zunächst eine Krankenschwester. Sie durchläuft zunächst eine im Regelfall vierjährige Universitätsausbildung und arbeitet erst danach im klinischen Bereich.

Nach Beendigung ihres Studiums erhält sie ein Diplom, das wir in Deutschland als „Bachelor“ mittlerweile ebenfalls kennen. Wenn sie dann nach mindestens zwei Jahren Berufserfahrung weitere zwei bis drei Jahre Universitätsausbildung auf sich nimmt und dann ein auch für uns mittlerweile bekanntes Diplom namens "Master" erhält, so hat sie die Berechtigung, nicht nur Krankenpflege­aufgaben zu übernehmen, sondern auch viele ärztliche Aufgaben.

Das ist zwar im Detail von Bundesstaat zu Bundesstaat unterschiedlich geregelt, aber man kann davon ausgehen, dass eine ATK selbstständig Patienten visitieren und kleinere Interventionen wie zum Beispiel Wundnaht und Hautmalentfernung verrichten beziehungsweise Medikamente (mit Ausnahme von bestimmten Betäubungsmitteln) verschreiben darf.

Das anfängliche Durchschnittsgehalt ist mit knapp 100.000 US-Dollar großzügig und knapp doppelt so hoch wie das einer Krankenschwester; gerade dieser Faktor und die größere Autonomie machen diesen Berufsweg sehr attraktiv für ehrgeizigere Krankenschwestern. Außerdem ist es für Krankenschwestern deutlich einfacher, nur zwei bis drei Jahre zusätzlich zu studieren als vier Jahre Medizinstudium mit einer anschließend drei bis acht Jahre dauernden Weiterbildungszeit als Assistenzarzt.  

Es überrascht daher nicht, dass angesichts eines Arztmangels gerade im hausärztlichen Bereich viele Politiker, aber auch Ärzte diese Lücke mit ATK decken wollen. Der Haken daran ist leider, dass auch eine ATK meistens nicht hausärztlich tätig sein will und zum Beispiel im Staat New York nur ein Drittel Hausarztaufgaben übernimmt. 


Leserkommentare

pmann am Sonntag, 7. September 2014, 15:39
In Großbritannien schon lang Gang und Gebe
Anfangs findet man das als Arzt natürlich befremdlich, aber diese NP sind meist hochspezialisiert, z.B. auf COPD, diagnostische Koloskopien oder Hernienchirurgie. Von daher ist die Qualität meist deutlich besser als wenn irgendwelche Assistenzärzte learning by doing praktizieren... In Massen und unter ärztlicher Kontrolle sehr sinnvoll.
ellsurex am Dienstag, 4. März 2014, 23:17
grosses Lob
Ich möchte Ihnen ein grosses Lob aussprechen für diesen Blog. Es ist immer wieder interessant und unterhaltsam. Vielen Dank und bitte weiter so...

Gerne auch vermeintlich "banales" aus dem täglichen Alltag. z.B. Umgang mit Kollegen/Vorgesetzten, Freizeitverhalten, sozialer Status der Ärzte, Vor- oder Nachteile der derzeitigen Tätigkeit und entsprechende Tipps.

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