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Dr. McCoy – 31.01.2014

Auf der Blumenwiese

"Die technischen Möglichkeiten, die in niedrigen Sicherheitsstandards von Internetprotokollen und mobilen Kommunikationsnetzwerken liegen, wurden von Geheimdiensten dazu benutzt Systeme zu schaffen, die alles sehen."* Soweit Edward Snowdon in seinem weltweit beachteten Interview mit dem NDR-Journalisten Hubert Seipel am 26.01.2014.

Eigentlich ist die Botschaft doch klar. Wer nicht will, dass jeder alles wissen kann, der kann diese Technologien nicht nutzen. Oder zumindest nicht, ohne weitere Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen.

Erstaunlich ist nur, dass Technologien zur Absicherung der elektronischen Kommunikation – allen voran eine wirksame Verschlüsselung – bis heute kaum Einzug in all die technischen Produkte gehalten haben, mit denen wir uns jeden Tag umgeben. Und das, obwohl diese Produkte ständig in einem Tempo weiterentwickelt werden, das einem ganz schwummrig wird. 

Und jetzt erzähle mir keiner, das mit der Sicherheit sei technisch aber auch besonders anspruchsvoll. Oder die Nutzer wollten es nicht aus Bequemlichkeit. Oder sie wollten es nicht bezahlen. Airbag? Ist ja wohl auch technisch anspruchsvoll. Gibt's trotzdem. Helm zum Skifahren? Wird millionenfach gekauft. Hände desinfizieren und sterilen Kittel anziehen vorm operieren (um mal ein medizinisches Beispiel zu wählen)? Lästig, keine Frage. Aber niemand kommt auf die Idee, es nicht zu tun.

Also – der Grund, dass wir uns alle in den letzten zehn bis 15 Jahren zu offenen Büchern für die Geheimdienste weltweit gemacht haben, liegt doch auf der Hand: Unsere Faulheit, unser Geiz und unser Glaube, es gäbe neben dem Recht auf Privatsphäre auch noch so etwas wie ein "Recht auf Facebook". Hergegeben haben wir unsere Privatsphäre an Unternehmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, mit dem intimen Wissen über alles was wir kaufen, tun, denken, lesen, hören, sehen, mögen, lieben, hassen und haben (Krankheiten z.B.) eines Tages Geld zu verdienen. 

Und ich halte übrigens das Gerücht, dass die App, die inzwischen auf fast jedem Smartphone die Kommunikation per SMS ersetzt hat und die ja auch so viel praktischer, und billiger und schöner ist als schnöde SMS, von amerikanischen Geheimdiensten zielgerichtet finanziert und in den Markt gebracht wurde. Wäre ich Geheimdienst würde ich mir sowas auch ausdenken. Aber vielleicht auch nur so eine Verschwörungstheorie. 

Gut – soweit unser aller Dummheit in unser aller Privatleben. 

Was aber ist eigentlich mit dem Privatleben unserer Patienten? Wie lange noch wollen wir diese ganzen Technologien immer tiefer in unsere Krankenhäuser, Arztpraxen, MVZs, Versorgungsnetze und Klinik­verbünde implementieren, ohne dass wir endlich Sicherheitsstandards als selbstverständlich akzeptieren, die der Schutzwürigkeit der Güter mit denen wir da umgehen wirklich angemessen ist?
Wo sind die Chipkarten mit Verschlüsselungschip und Signatur für alle Beschäftigten im Gesundheitswesen? Wo ist das sichere, vollständig gegenüber dem Internet abgeschirmte Kommunikationsnetz für das Gesundheitswesen?  Wo bleibt die konsequente Schaffung von Sicherheitsbewusstsein (oder überhaupt erst einmal Kenntnissen!) bei den Millionen von Anwendern im Gesundheitswesen?

Alles zu kompliziert? Alles zu teuer? Alles zu lästig für uns Nutzer? Okay, dann können wir in Zukunft ja mal wieder mit sauber gespülten Skalpellen in Straßenkleidung auf einer grünen Blumenwiese die Patienten operieren. Das – so hat es uns ein Mikrobiologe von 20 Jahren im Medizinstudium erzählt – gehe nämlich wahrscheinlich auch erstaunlich oft erstaunlich gut. Viel Spaß dabei!

*"The technolgical capabilities that have been provided because of sort of weak security standards in internet protocols and cellular communications networks have meant that intelligence Services can create systems that see everything.


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