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Gesundheit – 16.01.2014

H. pylori: Koevolution senkt Magenkrebsrisiko

Bakterien und Viren schädigen zwar den Menschen, sie sind aber auch auf ihn angewiesen. Für ein Bakterium ist es ungünstig, seinen Wirt zu töten. Die Ebola-Viren machen diesen Fehler. Die hohe Letalität verhinderte bisher, dass sich der Erreger ausbreiten konnte. H. pylori ist hier wesentlich erfolgreicher.

Etwa die Hälfte der Menschheit ist mit dem Keim infiziert. Bei den meisten bleibt dies ohne Folge. Dabei ist H. pylori nicht ungefährlich. Neben peptischen Ulzera kann er auch Magenkrebs auslösen. Weltweit gesehen ist dies der zweithäufigste Krebs, aber das individuelle Risiko der Infizierten ist gering. Meistens leben Mensch und Magenkeim in friedlicher Koexistenz. Sie haben sich aufeinander eingestellt. Biologen sprechen von Koevolution.

Dies war offenbar nicht immer so. Für die ersten Menschen muss H. pylori eine tödliche Gefahr gewesen sein. Dies schließt das Team um Pelayo Corread von der Vanderbilt University in Nashville aus ihren Untersuchungen von Magenbiopsien, die sie Bewohnern von Tuquerres und Tumaco entnommen hatten. Die beiden kolumbianischen Städte liegen nur etwa 200 Kilometer voneinander entfernt. Tuquerres ist eine Stadt im Hochland der Anden. Tumaco ist eine Hafenstadt. Doch die Bevölkerung ist ethnisch verschieden. Die Bewohner von Tuquerres sind zu zwei Dritteln Indios und zu einem Drittel euro­päischer Herkunft. In Tumaco sind die meisten Menschen Nachfahren von aus Afrika verschleppten Sklaven.  

In beiden Städten ist H. pylori weit verbreitet. In Tuquerres bekommt dies den Menschen nicht. Auf 100.000 Einwohner kommen 150 Magenkrebserkrankungen, eine der höchsten Inzidenzen weltweit. Den Bewohnern von Tumaco schadet der Magenkeim kaum. Die Magenkrebsinzidenz liegt nur bei 6 auf 100.000 Einwohner. Die genetische Untersuchung zeigt, dass die Menschen in Tumaco mit einer afrikanischen Variante von H. pylori infiziert sind, bei den Menschen in Tuquerres überwiegt eine europäische Variante. Sie hat dort aus unbekannten Gründen den einheimischen südamerikanischen Stamm verdrängt. Corread sieht darin den Grund für das hohe Magenkrebsrisiko. Der mit den Konquistadoren vor 500 Jahren eingeschleppte Keim habe sich bisher nicht der Bevölkerung angepasst. Eine Koevolution habe nicht stattgefunden.

Lückenlos ist die Theorie allerdings nicht. Trotz der geographischen Nähe gibt es auch starke Unterschiede in den Lebensverhältnissen zwischen Küste und Hochland in Kolumbien, auch die Ernährung unterscheidet sich. Die Theorie der Koevolution kann auch nicht erklären, warum die Magenkrebsrate in China und Japan sehr hoch ist. Diese Länder wurden niemals kolonisiert. Der Magenkeim müsste sich dort eigentlich gut auf den Menschen eingestellt haben. Und nach der Emigration von China nach Amerika kommt es keinesfalls zu einem Anstieg der Magenkrebsrate. Sie sinkt eher, vermutlich als Folge einer besseren Lebensmittelhygiene. H. pylori-Infektionen sind in den USA seltener und werden erst später im Leben erworben. Die Beziehungen zwischen Mensch und Magenkeim sind komplex und lassen sich nicht auf einen einzelnen Aspekt reduzieren.


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