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Dr. werden ist nicht schwer... – 18.11.2013

Ärzte sind Dinosaurier

Es ist erstaunlich, wie hartnäckig sich Rituale halten. Selbst in Zeiten zunehmenden Zeitdrucks, bröckelnder Personaldecken und arbeitspsychologischer Fortschritte pochen wir Ärzte immer noch auf Hierarchien und den damit einhergehenden rituellen Privilegien.

Ein Beispiel hierfür sind ungeschriebene Gesetze bei der Sitzordnung. Ich muss immer wieder ein Lachen unterdrücken, wenn sich jemand, der Platz genommen hat, noch umsetzt, sobald "sein" Platz frei geworden ist. Ich denke, dass die wenigsten hierfür fundierte Argumente nennen können, wie dies beispielsweise Sheldon Cooper in Big Bang Theory tut: Im Winter ist der Platz nah genug an der Heizung, damit mir warm ist und dennoch nicht zu dicht, um ins Schwitzen zu kommen. Im Sommer liegt er in einem angenehmen Durchzug der entsteht, wenn man die Fenster öffnet. Er befindet sich weder direkt vor dem Fernseher, was einer eventuellen Konversation abträglich wäre, noch zu weit weg für eine paralaktische Verzerrung.

Der Unterhaltungswert reicht für mich bisweilen an Sheldon Cooper heran. In einem Moment überflüssigen Denkens habe ich daher neulich folgende Vorschläge ausgearbeitet, wohl wissend, dass sie nie auch nur zur Diskussion stehen werden:

1. Um allen Mitarbeitern gerecht zu werden und noch ein paar Regeln zu haben, soll die Sitzordnung nach Wochentagen wechseln. Somit hat man selbst fachlich überlegenen Neulingen gegenüber ein paar Trümpfe zum Bevormunden in der Hand.

2. An Montagen wird das meiste besprochen. Hier sollten die Obrigkeiten in den hinteren Reihen und Studenten in der vorderen Reihe sitzen, um über die Effekte der Altersweitsichtigkeit für gleiche Aufnahme bei allen zu sorgen. Da die Obrigkeiten mehr reden, kann das Gegenargument dass das Hören antiparallel verteilt ist nicht gelten. Im Gegenteil. Die Schallrichtung ist sogar optimiert.

3. An Dienstagen sollte die Sitzordnung alphabetisch erfolgen. Wobei sich die Oberärzte anstelle ihres Anfangsbuchstaben irgendeinen Buchstaben aus ihrem gesamten (Tauf-)Namen aussuchen können.

4. Mittwochs sollte der Raum nach Reihenfolge des Ankommens aufgefüllt werden. Wer zu spät kommt, muss bis zum Ende stehen und verliert Sitzprivilegien für den Rest der Woche.

5. Donnerstag sollten die Obrigkeiten zentral eingekreist sitzen. Der Wortteil "Donner" und die Sitzordnung sollen zum archaischen Rundmachen und Anbrüllen animieren.

6. Freitags sollte zur Auflockerung Anarchietag sein. Jeder setzt sich, wie er will. Doch Anfänger sollten sich hüten. An keinem Tag kann man falscher sitzen…

Sollte sich so langsam mal eine F-Diagnose verpassen (vorher analysiere ich aber die Bilder, die meine Kollegen bei der Besprechung kritzeln),

Euer Anton Pulmonalis


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Dienstag, 19. November 2013, 21:24
Respekt!
das ist das beste, was A.P. bisher geschrieben hat. ich find aber, daß die Chefärzte immer hinten sitzen sollten, damit man das Zittern ihrer altersbefleckten Gichtgriffel nicht sieht, mit denen sie zwar kaum den Golfschläger halten können, sich aber dennoch mikrochirurgische Eingriffe zu trauen.

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