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Gesundheit – 25.10.2013

Wie US-Urologen an der Radiotherapie verdienen

Diagnostik und Therapie sind in der Medizin nicht getrennt. Es ist deshalb nicht ungewöhnlich, dass ein Arzt einem Patienten unter verschiedenen alternativen Therapien diejenige vorschlägt, die er selbst anbietet. Dies ist nicht nur unfair gegenüber dem Patienten, wenn dieser nicht über andere Optionen informiert wird. Es kann auch die Kosten im Gesundheitswesen gehörig in die Höhe treiben, wenn die selbst angebotene Therapie deutlich teurer ist als andere. US-Urologen sind in diesem Punkt in der Vergangenheit schon einmal in die Kritik geraten.

So konnte Danil Makarov von der Yale Universität in New Haven in einer Studie nachweisen, dass die Anschaffung eines Operationsroboters in Kliniken zu einem deutlichen Anstieg der radikalen Prostatektomien führt (Medical Care 2011: 49: 333–339). Ohne die Roboter wären viele Patienten möglicherweise nicht operiert worden. Dies wäre beim Prostatakarzinom nicht gleichbedeutend mit einem Versorgungsdefizit. „Watchful waiting“ kann für ältere Patienten eine sinnvolle Option sein, da in den USA – vor dem Hintergrund eines weit verbreiteten PSA-Screenings – die 10-Jahresüberlebensrate beim Prostatakarzinom bei 98 Prozent liegt.

Eine andere Alternative zur Operation ist die Radiotherapie, die wahrscheinlich gleich gute Ergebnisse liefert wie die Operation. Eine moderne Variante der Strahlentherapie ist die intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT). Sie kann die Strahlen nicht nur auf ein Zielobjekt zentrieren, sondern die Dosis innerhalb des Strahlenfelds auch noch variieren. Die Therapie ist extrem teuer, sie wird aber auch hoch vergütet. In den USA haben sich deshalb Urologen an IMRT-Therapiezentren beteiligt. Ein Betreiber verspricht in seiner Broschüre den Urologen einen Profit von 425.000 US-Dollar pro 1,5 zusätzlich im Monat überwiesenen Patienten.

Das Geschäft scheint gut zu laufen, doch es gibt Kritiker. Zu ihnen gehört zum einen die American Society for Radiation Oncology (ASTRO), da die Urologen jetzt zu direkten Konkurrenten für die selbständigen Radioonkologen werden, die in den IMRT-Behandlungszentren der Urologen zudem zu Angestellten degradiert wurden. Zu den Leidtragenden zählt neben den unnötig behandelten Patienten in den USA der Staat, da Medicare die Therapien bezahlen muss.

Tatsächlich kann die Ökonomin Jean Mitchell von der Georgetown University in Washington jetzt in einer Untersuchung im New England Journal of Medicine (2013; 369: 1629-37) zeigen, dass das neue Geschäftsmodell zu einem deutlichen Anstieg der Behandlungszahlen geführt hat. Der Anteil der Patienten, denen zu einer IMRT geraten wird, hat sich bei den Urologen, die Anteile an den Behandlungszentren haben, innerhalb weniger Jahre von 13,1 auf 32,3 Prozent mehr als verdoppelt. In einem zweiten Vergleich mit Urologen an ausgewiesenen Krebszentren (National Comprehensive Cancer Network, NCCN) stieg der Anteil sogar von 9 auf 42 Prozent. Bei den Urologen, die keine Anteile an den Behandlungszentren haben, sind die Behandlungszahlen dagegen in etwa konstant geblieben. Die Urologen der NCCN-Kliniken, die sich eng an die Leitlinie halten, raten weiterhin nur etwa 8 Prozent ihrer Patienten zur IMRT.

Die US-Urologen dürften aufgrund der Ergebnisse stark unter Kritik geraten. Sowohl die ASTRO als auch die NCCN haben bereits Stellungnahmen abgegeben, die die wirtschaftlichen Interessenkonflikte verurteilen.


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