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Gesundheit – 30.08.2013

US-Gesundheitssystem: Wo Salz ein Vermögen kostet

Die Zeiten, in denen Salz ein Vermögen kostete, sind eigentlich lange vorbei. Im Supermarkt um die Ecke zahlt man für das Paket weniger als ein Euro. Neun Gramm davon in einer Glasflasche aufgelöst in sterilem Wasser kann den Preis jedoch deutlich steigern. Nach einem Bericht in den New York Times werden Patienten dort unter Umständen mehrere hundert US-Dollar in Rechnung gestellt. Der teuerste Beleg, der der Redakteurin Nina Bernstein in die Hände fiel, enthielt eine Forderung über 787 US-Dollar für die „iv-Therapie“ einer Erwachsenen und 393 US-Dollar für die gleiche Behandlung des Kindes.

Beide, die 56-jährige Mutter und ihr Enkelkind hatten sich bei einer Veranstaltung eine Lebens­mittelvergiftung zugezogen, und die intravenöse Volumensubstitution war die einzige Therapie in der Klinik gewesen, wo die beiden behandelt wurden.

Die Klinik hatte später vielleicht das Bedürfnis neben der Pauschale für den Aufenthalt in der Notfall­ambulanz wenigstens eine therapeutische Maßnahme in Rechnung zu stellen – und da keine Antibiotika oder anderen Medikamente benötigt wurden, musste es eben die Kochsalzlösung sein. Die weiteren Recherchen der Redakteurin ergaben, dass es kein Einzelfall war. Auf einer längeren Rechnung mit anderen Therapien wäre der Posten „iv-Therapie“ vielleicht auch nicht aufgefallen, oder die Patienten, die in den USA häufig Selbstzahler sind, hätten nicht gewusst, was sich dahinter verbirgt.

Bei weiteren Recherchen konnte und wollte niemand der Redakteurin erklären, wie die Preisbildung zustande kommt. Vom Herstellungsort, einer Salzmine in den Rocky Mountains bis zur Klinik, sind die Wege des Produkts verworren. Bernstein stieß bei ihren Recherchen auf ein undurchsichtiges Geflecht aus „byzantinischen Verträgen, vertraulichen Rabatten und Provisionen, die in anderen Bereichen wohl als Bestechungsversuch gewertet würden“.

Es gibt Großhändler und Einkaufsgemeinschaften, die Preise streng vertraulich behandeln. Am Ende scheinen es dann aber doch die Kliniken gewesen zu sein, die sich bedienten. Die Mitarbeiterin eines Herstellers hatte sich verplappert und gesagt, die meisten würden wohl nicht ahnen, dass die Kochsalzbeutel die Klinik weniger kosten würde als der morgendliche Kaffee für die Mitarbeiter.

Das Beispiel ist vielleicht symptomatisch für das US-Gesundheitssystem, das geprägt ist von einer zunehmenden Intransparenz. Die meisten Insider haben sich abgesichert. Medicare beispielsweise zahlt nur ein Dollar und 7 Cent für den Beutel Kochsalzlösung. Zu den Outsidern gehören die Patienten, die die komplexen Zusammenhänge nicht durchschauen können und dann entsprechend gemolken werden.


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