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Vom Arztdasein in Amerika – 23.08.2013

Urlaub

Die letzten vier Wochen waren bei mir gekennzeichnet von Extremen: Ich habe sehr viel Sport getrieben (siehe Seilspringen), habe massiv im persönlichen und finanziellen Umfeld umgestellt angesichts der bald erfolgenden Reduktion auf Teilzeit und nun auch meine letzten Vollzeitarbeitstage hinter mich gebracht.

Gerade Letzteres war sehr anstrengend, und meine Arztfirma hat noch ein letztes Mal das vertraglich Vereinbarte in der von ihr gewohnten Maximalinterpretation von mir gefordert. Da ich einen letzten (und meinen einzigen) bezahlten Urlaub nehmen wollte, wurde darauf gepocht, dass ich mein monatliches Arbeitszeitsoll vorher erfüllen muss. Angebote von unbezahltem Urlaub von meiner Seite wurden abgelehnt – klar, denn nur eine Arztkraft, die arbeitet, bringt Gewinn, eine, die es nicht tut, eben nicht.

Entsprechend habe ich zuletzt 17 Tage am Stück gearbeitet, um – weil ich zwei Nächte am Monatsanfang gearbeitet und dann einen Tag frei hatte – auf 19 Arbeitstage für den Monat August zu kommen. Vertraglich bin ich zu 20 Arbeitstagen verpflichtet, den 20. Tag werde ich im September, wenn schon in Teilzeit, „nachholen” müssen. Man merkt, dass in dieser Firma nichts dem Mitarbeiter geschenkt wird und nicht zum ersten Mal kam mir eindringlich die Frage, ob ich nicht einfach kündigen sollte. Aber das ist ein anderes Thema; knapp anderthalb Jahre bin ich mittlerweile bei der Gruppe.

So habe ich also ein sehr hohes Pensum abgearbeitet – 17 Arbeitstage am Stück, zur Hälte Tages- und Nachtschichten, abgeleistet: Durchschnittlich 65 Wochenstunden. Das war anstrengend nicht nur angesichts ihrer Menge, sondern vor allem ihrer Kompaktheit. So kam mir manchmal der Gedanke, nur zwischen Krankenhäusern, Bett und Büro zu pendeln. Deshalb auch das exzessive Sporttreiben: Nicht nur als Umsetzung eines Ertüchtigungswunsches, sondern auch als Ventil zum Abreagieren eines hohen Arbeitsdruckes. Doch nun ist es soweit und die Augustarbeitszeit beendet, und ich gehe auf eine knapp anderthalbwöchige Segeltörn in der Ostsee.

Nach der Rückkehr vom Segelurlaub will ich überlegen, ob ich nicht den amerikanischen Exzess um ein etwas deutscheres Mittelmaβ ergänzen sollte. Mittelmaβ, bzw. die in Deutschland oft gelobte „goldene Mitte,” führt zwar oft nicht zu Spitzenleistungen, dafür aber eine ausgewogenere Lebensführung.

Spitzenreiter hierin sind vor allem die Skandinavier, die zwar nicht für Spitzenforschung und -technologie bekannt sind, dafür aber für postindustrielle Gesellschaften zunehmend beliebte und ausgeklügelte Lebensstilprodukte, Freizeit- und Lebensmodelle hervorgebracht haben. Die Skandinavier sind in ihrem hohen Mittelmaβ und Gemächlichkeit zwar nicht so hysterisch glücklich (oder depressiv) wie manche US-Amerikaner, dafür aber hochzufrieden. Das hat Vorteile, klar. Eine kleine Scheibe möchte ich mir davon auch abschneiden und passenderweise segele ich in skandinavischen Gewässern.

Klar ist: Das US-Medizinsystem bleibt hochdynamisch, unabhängig davon, wie ich nun genau in ihm stehe. Ich erstatte weiterhin Bericht wenn ich in der zweiten Septemberwoche wieder zurück bin. Bis dahin: Schiff ahoi!


Leserkommentare

Patroklos am Montag, 26. August 2013, 15:25
Schönen Urlaub!
..

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