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Dr. werden ist nicht schwer... – 29.08.2013

Ich bin doch nicht blöd

Ich habe die angeregte Diskussion auf meinen letzten Beitrag mit Spannung verfolgt. Sie spiegelt interessanterweise teilweise meinen inneren Konflikt und Gespräche mit mir vertrauten Personen wieder.

Mir ist bewusst, wie meine Vita auf andere wirken muss. Andererseits bekomme ich immer wieder sofort eine Stelle. Zudem hat zumindest eine der von mir verlassenen Kliniken reagiert und nimmt mittlerweile auf den Ausbildungswunsch der Assistenten Rücksicht. Eine andere hat übrigens meinen Nachfolger mittlerweile gekündigt, weil die "Fallzahlen die Stelle nicht mehr hergeben". Dass sich die Oberärzte die Taschen mit doppelt besetzten Rufbereitschaften über Jahre nicht zu knapp gefüllt haben, ist eine zusätzliche würzende Randnotiz.

Die skeptischen Kritiker liegen in der Sache nicht falsch. Doch grundsätzliche Zustimmung ist bekanntermaßen die höflichste Form der Ablehnung. Es gelingt mir nicht, den gebotenen Perspektiven etwas abzugewinnen. Ich sehe Fach- und Oberärzte, die nicht operieren können, es aber tun. Ich sehe Assistentenkollegen, deren Karriere abgesehen vom alljährlichen Gehaltsanstieg kein Vorwärts aufweist, während das Privatleben zunehmend verwaist. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, ja. Aber wenn es doch wenigstens Lehrjahre wären…

Der Mitläufer läuft möglicherweise aus der Angst mit, als Querulant bezeichnet zu werden. Oder in der Hoffnung, dass die Herde zum grüneren Gras läuft. Wer seine Gesundheit, sein Privatleben, sein Karriereziel und seine Selbstachtung opfern möchte, soll dies tun. Ich werde mich nicht derart verbiegen und beneide oder bewundere solche Kollegen kein bisschen um diese Form der Opferbereitschaft oder Ignoranz.

Die Schuldfrage (die ein Kommentar in den Raum warf) ist mir dabei relativ egal (Ferndiagnosen über meine Persönlichkeitsstruktur ebenfalls). Das Ergebnis ist für mich relevant. Die Schuld nehme ich gerne auf mich und etikettiere mich als "NICHT KOMPATIBEL". Ich täte mir leid, wenn mich strafende Blicke hierfür betroffen machten.

Bei meinem letzten Bewerbungsgespräch habe ich deutlich darauf hingewiesen, was mich bei meinen Berufswechseln bewegt hat. Man hat mich dennoch trotz Alternativen genommen. Was daraus wird, bleibt abzuwarten.

Desto besser die Versprechungen, umso skeptischer 

Anton Pulmonalis


Leserkommentare

kueltigin am Montag, 2. September 2013, 14:32
wieder was vergessen @ anton pulmonalis
Du bist nicht schuld
kueltigin am Montag, 2. September 2013, 14:14
ach nochwas
Es gibt genug Chefärzte die die gute abendländisch christliche Kultur durch eine liberale Einstellung in Gefahr sehen.
kueltigin am Montag, 2. September 2013, 13:22
@ anton pulmonalis @ Angie
lieber Anton (oder liebe Anton)
Es tut mir wirklich aufrichtig leid wenn ich, einen deine Persönlichkeitsstruktur betreffenden diskreditierlichen Eindruck hinterlassen hab. Vielleicht hast du mich nicht verstanden, ich bin behaupte, dass ich noch weniger angepasst als du. Mir wurde seitens besagten Vorgestzten Dissozialität vorgeworfen.
Mein Problem ist das ich so bin wie ich bin. Geradeaus, zur eigenen Meinung stehend, nicht nachtragend, grundsolide in dem Sinne, dass ich keine Berührungsängste anderen Menschen gegenüber habe insbesondere nicht wegen ihrer Herkunft, sozialen Stellung, Einkommen, Bildung oder sonst einem Prädikat oder Etikett (das wurde auch schon moniert mit der aussage, wie kansst du mit der oder dem...).
Ich bin durch und durch sozialliberal, mir geht Korruption auf den Keks und ich bin für die Abschaffung der parlamentarischen- und Einführung der Basisdemokratie, ich bin Mitglied bei den Piraten, mir ist es egal ob einer Marihuana raucht oder schwuler Vorsitzender des hiesigen Lesbenvereins ist. Ehrlichkeit und Fairness sind meine obersten Gebote. Ich habe auch keine Probleme einer Person die ich mag, anders als die meisten anderen Menschen die ich bis her kennengelernt, zu sagen dass er Mist gebaut hat. Genauso hab ich keine Probleme einer Person die ich nicht mag zu sagen: ey das hast du gut gemacht. Genau das ist doch das Ding an der Ausbildung, mag er dich dann wirst du ausgebildet ob du gut bist oder nicht oder andersrum. Natürlich gibts da dann auch gute die ausgebildet werden und schlechte die ausgebildet werden. Und wie ich es dir gesagt habe denke ich das du ein Sonderling bist. Dies ist nicht böse gemeint. Meine persönliche Erfahrung ist auch die, dass eine Ausbildung die man erhält nicht was mit den Fertig- und Fähigkeiten zu tun hat sondern von der Einstellung die die Vorgesetzten zu einem haben (hast du so oder so ähnlich selber schon mehrmals moniert). Schon deshalb ist anzunehmen, dass du ein "Sonderling" bist, denn sonst hättest du es durch zwischenmenschliche Einflußnahme geschafft, dass dich irgendjemand ausbildet. Ich wiederhol mich nochmal ist nicht böse gemeint und was das Sonderlingsein betrifft sitz ich im Glashaus. Auch ich bin "NICHT KOMPATIBEL". Und werde aufgrund dessen meiner Entwicklungschancen und Einkommenschancen sowie der Chance diesem Perfiden der Gesundheit nicht zuträglichen Dienstsystem zu entkommen beraubt.
So nun zu den OA´s und CA´s die nicht operieren können.
Davon kenn ich persönlich auch einige.
Eine schlecht durchgeführte OP muss nicht zwangsläufig zu einier Klage führen dennn:
1. sollte man die Selbstheilungskräfte der Natur nicht unterschätzen
2. Heisst es nicht dass gelich alles schief geht oft sind die postop. Verläufe prolongiert oder es kommt zu "schicksalhaften" "Infektionen" oder zu vermehrten "schicksalhaften" Schmerzen.
3. Wissen die Patienten nicht, dass auch wenn die Indikation und prinzipielle Therapie richtig ist es besonders in der Chirurgie auf soviele Detaills ankommt die der Patient nicht wissen respektive überprüfen kann. Manche operieren so traumatisch, da muss es zu Infektionen kommen, oder erkennen nicht die Strukturen, da muss es zu Komplikationen wie Nervenschäden, Narbenbrüche Anastomoseninsuffizienz etc. kommen
4. Die Patienten werden jedoch oftmals auf die Risiken hingewiesen, da ist es nur einer Frage der Wahrscheinlichkeit die selbst bei schlechten Operateuren nicht bei 100% liegt.
Ach noch eine Sache was mir komischerweise in all der Zeit entgangen ist.
Bei all meinen Bewerbungen und Hospitazionen ist mir eine Stelle untergekommen, wo ich zum ersten mal den Eindruck hatte, dass der Chef einen unabhängig von seiner Persönlichkeit und Herkunft ausbildet. Nach einem zunächst guten Beginn und freundlichen Ton änderte er jedoch nach der Mittagspause sein Gesichtsausdruck (hatte wohl mit meinem noch Chef telefoniert) und das wars dann für mich.
Nichtsdestotrotz kann ich ihn verstehen. Wie dem auch sei bildet er sein Team aus, ohne wenn und aber auch wenn nicht alle nach 5 Jahren den Katalog voll haben manche erst nach 6 Jahren(besser als gar nicht oder?). So wenn du interesse hast kontaktier mich, er sucht aktuell noch einen. Oder doch noch ne Klage anstreben, ich wär dabei und das ist kein blödes geschncke glaubs mir:
MfG
EEBO am Freitag, 30. August 2013, 19:55
:))
Also, die fast erstaunte Feststellung des Bloggers, immer sofort und trotz Alternativen eine Stelle zu bekonnen, ist angesichts des Ärztemangels und der tausenden Stellenanzeigen allein auf dieser Webseite schon recht lustig.
Henry I am Donnerstag, 29. August 2013, 21:21
Meine Hochachtung
Meine Hochachtung, Herr Kollege.
Ich kann Ihnen Ihre Frustration nachfühlen - ich halte sie für komplett gerechtfertigt.
Das medizinische System ist seit mindestens 20 Jahren im sozialistischen Abbau begriffen.
Bislang habe ich mir noch in jeder Klinik, in der ich Assistent war, die Oberärzte angesehen und nach kurzer Zeit mit einigem Erschrecken festgestellt:"So (wie der - oder wie die) will ich nie werden. In dieser Klinik möchte ich keine Oberarztstelle haben, nicht einmal, wenn sie mir mit Kusshand angeboten würde."
Und natürlich treibt mich die Hoffnung um, ich möge eine Klinik finden, in der das anders wird.
Vielleicht gibt es die auch wirklich und ich habe irgendwann Glück (Klinikwechsel steht unmittelbar bevor).
Trotzdem kann ich aus eigener Erfahrung nur raten:
Verschleissen Sie sich nicht im sinnlosen Kampf gegen das sinnlose und kontraproduktive System!
Mit besten Grüssen
Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 29. August 2013, 19:52
Ich sehe Fach- und Oberärzte, die nicht operieren können, es aber tun.
Das kann nicht sein, denn dann müßte es eine Flut von Kunstfehlerprozessen geben.
Ich wurde erst kürzlich operiert, alles bestens. Allerdings haben sie mich für einen Kollegen gehalten und sich deshalb velleicht etwas mehr angestrengt...

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