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Vom Arztdasein in Amerika – 09.09.2013

Ambulante US-Medizin

Im Gegensatz zu Deutschland herrscht in den USA Niederlassungsfreiheit: Man darf sich als Arzt dort niederlassen, wo man will. Weiterhin gilt Werbungsrecht. So darf man darf nicht nur für seine Praxis im Prinzip an jedem beliebigen Ort aufmachen, sondern auch für seine Praxis im Internet, auf Plakaten, im Fernsehen (mit einigen leichten Einschränkungen) und so weiter Werbung machen. Diese Freiheit hinsichtlich der medizinischen Versorgungsstruktur hat für einen diversifizierten ambulanten Sektor gesorgt, die vor allem aus drei Einrichtungstypen aufgebaut ist.

Eine dieser Einrichtungen ist in Deutschland und den USA in ähnlicher Form vorhanden, nämlich die Arztpraxis („medical office”). Diese Praxen sind im Regelfall während der US-üblichen Geschäfts­zeiten, also 8 Uhr morgens bis 17 Uhr abends geöffnet, haben meistens zwischen einem und drei
Praxisärzten, die in den drei bis zehn Untersuchungszimmern Patienten im 15- und 30-Minutentakt behandeln.

Die Mindestkosten für einen Praxisbesuch liegen für unversicherte Patienten bei rund 60 US-Dollar für einfache Fälle wie z.B. eine unkomplizierte akute Otitis media, meistens eher um die 200 US-Dollar, wenn Diagnostik und eine etwas aufwendigere Untersuchung bei einem nicht ganz leichten Fall mit berücksichtigt werden.

Eine weitere ambulante Einrichtung, die ebenfalls uns Deutschen vom Konzept her bekannt ist, ist die Notaufnahme („emergency department”). Hierbei handelt es sich um rund um die Uhr geöffnete Ansammlungen von 10 bis 25 Behandlungszimmern, die logistisch immer einem Krankenhaus angeschlossen sind. Ein bis fünf Ärzte sind durchschnittlich in diesen Aufnahmen tätig, allesamt Fachärzte der Notfallmedizin, also ein Facharzt, der dem deutschen Allgemeinarzt am nächsten von der Ausbildung und Kenntnisstand her kommt.

Die Notaufnahmen sind nicht immer direkt an ein Krankenhaus angeschlossen, sondern manchmal 20 bis 30 Kilometer von diesen entfernt; das hat damit zu tun, dass Krankenhäuser gerne versuchen, durch die Einrichtung mehrerer Notaufnahmen ihre Patientenbasis zu erhöhen , in der Hoffnung auf mehr Patientenumsatz und damit mehr Gewinn.

Gesetzlich ist jede Notaufnahme im Gegensatz zur Arztpraxis gezwungen, jeden Patienten zu behandeln, unabhängig von seinem Versichertenstatus und Schwere des Krankheitszustandes – mit anderen Worten darf ein unversicherter Patient genauso wenig abgelehnt werden wie einer, dessen Krankheitsbeschwerden sehr blande ist.

Das kann durchaus in Arztpraxen passieren, wo man manchmal sogar eine Anzahlung machen muss, wenn man unversichert ist. Diese darf in der Notaufnahme nicht verlangt werden. Eine durchschnittliche Behandlung in der Notaufnahme kostet im Minimalfall grob geschätzt 500 US-Doller, meistens jenseits der Tausenddollargrenze wenn viel Diagnostik und Therapie durchgeführt wird, wie z.B. beim schweren Migräneanfall oder einem akuten Asthmaschub, ganz zu schweigen von den noch höheren Kosten bei einer Aufnahme ins angeschlossene Krankenhaus.

Die dritte ambulante Haupteinrichtungsform der USA ist in Deutschland nicht vorhanden – es ist eine Zwittereinrichtung zwischen den beiden obengenannten Ambulanzformen, sogenannte „Akutkliniken”, die im englischen allerlei verschiedene Bezeichungen haben (v.a. „urgent care clinic” und „walk-in clinic”).

Diese haben oft längere Öffnungszeiten als Arztpraxen (z.B. 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends), sind aus Kostengründen manchmal statt mit Ärzten eben mit ärztlich tätigem Pflegepersonal besetzt, die entsprechend nur einfache ärztliche Tätigkeiten ausführen dürfen, wie Wunden nähen, Diagnostik anordnen, Antibiotika verschreiben, aber z.B. keine Lumbalpunktionen durchführen oder Luxationen beheben dürfen.

Diese Akutkliniken besitzen eine oft groβzügige diagnostische Grundausstattung wie Röntgengeräten, manchmal sogar ein CT-Gerät und ein eigenes Labor. Die Kosten einer Behandlung dort liegen zwischen den beiden obigen Einrichtungen, also oft bei 150 bis 500 US-Dollar für einen Besuch als unversicherter Patient. Manchmal hängt sogar am Eingang eine Preistafel, auf der gängige Behandlungen und Kosten vermerkt sind wie z.B. „Kortisoninjektion kostet 50 US-Dollar” etc.

Es gibt noch andere Einrichtungen, die Basisfunktionen der ambulanten Versorgung übernehmen, wie z.B. Routineimpfungen durch Apotheken, Fuβverletzungen, die durch speziell ausgebildetete Fuβärzte („podiatrist”) versorgt werden oder Bewegungsapparatspezialisten („chiropractor”), die Verrenkungen und Verletzungen des Bewegungsapparates mittels Gelenkmanipulationen beheben können. Doch das sind Sonderfälle der ambulanten Versorgung in den USA, einem System, das breit gefächert ist und regional unterschiedlich ausgeprägt ist.


Leserkommentare

img9000 am Dienstag, 10. September 2013, 14:08
Groesse
Und auch die Groesse einer Notaufnahme variiert erheblich. Die von Ihnen genannten wuerden als eher klein gelten. Viele haben deutlich ueber 100 Behandlungsplaetze.
img9000 am Dienstag, 10. September 2013, 14:07
EMTALA
Im uebrigen muessen zahlungsunfaehige Patienten im ED nicht behandelt per se behandelt werden. Laut EMTALA-Gesetzgebung muss jedem, der glaubhaft befuerchtet einen medizinischen Notfall zu haben, ein sogen. medical screening exam angeboten werden (muss nicht vom Arzt durchgefuehrt werden, kann auch eine nurse sein). Wenn keine Gefahr fuer Leib oder Leben vorliegt, ist das MUESSEN vorbei. Alles was danach folgt ist de facto "charity".
img9000 am Dienstag, 10. September 2013, 13:56
Allgemeinmedizin....
Die Unterschiede in der residency and Kompetenzen zwischen Family Medicine und Emergency Medicine koennte kaum groesser sein.....Ihre Aussage zeugt von einiger Ignoranz, wie sie leider bei vielen fachfremden Kollegen vorhanden ist....

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