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Gesundheit – 16.07.2013

ADHS-Test: FDA mit Informations-Defizit-Syndrom

Die Entscheidungen der Food and Drug Administration (FDA) sind nicht immer transparent. So wurde Anfang der Woche ein Gerät zugelassen, dass die Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperak­tivitätsstörung (ADHS) mit Hilfe einer EEG-Analyse unterstützen soll. Hersteller ist die Firma NEBA Health aus Augusta im US-Staat Georgia. Sie scheint derzeit nicht über eine Homepage zu verfügen(die Seite der Vorläuferfirma Lexicor Medical Technology war ebenfalls "taub"). Bei der Websuche stößt man nur auf den Bericht einer Lokalzeitung. Dort stellt der Firmengründer Howard Merry sein Gerät vor. Immerhin scheint es die Firma und das Diagnosegerät zu geben. Doch was leistet es?

Die Zulassung beruht auf den Ergebnissen einer klinischen Studie an 275 Patienten, bei denen der „Neuropsychiatric EEG-Based Assessment Aid“ (NEBA) die diagnostische Treffsicherheit verbessert haben soll. Die Angaben in der Pressemitteilung der FDA bleiben dürftig, die zugrundeliegende Studie ist nicht publiziert, obwohl sie bereits Mittel Juni 2008 beendet wurde. In Medline gibt es keine Studien, die eine EEG-Diagnose der Erkrankung stützen und die meisten Psychiater sind überzeugt, dass die Erkrankung klinisch zuverlässig gestellt werden kann. Was ist los? Ist die FDA in ein Sommerloch gefallen?


Leserkommentare

bwpsychiater am Samstag, 10. August 2013, 16:48
Immer spannend was so Heilpraktiker glauben...
Lieber Clemens-X,

ist ja ganz nett und ausführlich was sie da schreiben. Aber woher nehmen Sie die Arroganz als Heilpraktiker das ICD-10 als Märchenbuch zu bezeichnen. Es ist erstellt worden von einem Konsortium von Fachleuten, die sich wissenschaftlich und praktisch mit den Krankheitsbildern auseinandergesetzt und beforscht haben.
Und da wollen Sie einfach sagen, das wäre ein Märchenbuch?

Zum ADHS:
Es gibt sicherlich milde Formen, die auch nicht als Krankheit zu werten sind. Was sagen sie denn zu den Kindern und Erwachsenen, die nur unter Kokaineinnahme fähig sind eine Zeitung zu lesen. Oder brauchen Alkohol um normal zu kommunizieren. Das Umfeld ist schuld?
Sie haben halt nicht in einer psychiatrischen Klinik gearbeitet. Das merkt man...
Clemens-X am Dienstag, 30. Juli 2013, 20:16
ADHS — eine dubiose Konstruktion der Pharma-Industrie und der sie stützenden Psychiater
Auch mir wurde ADHS (im Erwachsenenalter) diagnostiziert. Wenn ich die vielen Verhaltensauffälligkeiten, die im Märchenbuch ICD-10 oder (noch schlimmer und abenteuerlicher) in der DSM V beschrieben sind, mit meinen realen Besonderheiten vergleiche, stelle ich etliche Übereinstimmungen fest… — die auf jeden anderen Menschen ebenfalls zutreffen können!

Eine der Besonderheiten ist z.B. eben nicht „Aufmerksamkeitsdefizit”, sondern die Fähigkeit zu extremer Aufmerksamkeit, nämlich dem Hyperfokus. Ich sehe dies geradezu als besondere Fähigkeit und als Geschenk der Natur an: Ich kann dicke Fachbücher in 6 Stunden verschlingen (und verstehen und das Verstandene behalten), habe aber während dieser Zeit vergessen, dass ich noch etwas trinken und essen sollte oder mich mal zwischendrin auch bewegen sollte. :-)
Arbeite ich an meinen Websites, schreibe einen Artikel usw. geht es mir genau so. Ich bin dabei außerordentlich effizient. Und wenn mich jemand bei dieser hoch-intensiven und lustvollen (!) Aktivität stören will, werde ich schnell grätig.

Na wenn das alles ist! Wieso soll so etwas pathologisiert werden?

Ich habe schon viele Kinder beobachten können, denen ADHS angedichtet worden ist. Es sind sehr lebendige, impulsive oder auch verträumte ruhige aber fast immer auch sehr creative und lust-orientierte Kinder. Mit welchem Recht maßen sich Eltern, Lehrer und Psychiater an, diese Besonderheiten als pathologisch abzustempeln?

Ich nehme seit über 6 Monaten an einer Selbsthilfegruppe für Eltern von „ADHS-Kindern” teil, einfach um aus erster Hand zu erfahren, welche Spektrumbreite von Verhaltensauffälligkeiten dort geschildert wird. Es hat mich dann doch erstaunt, dass alle dort geschilderten Situationen meine folgende Ansicht zu bestätigen scheinen:

AD(H)S ist nicht allein dem Kind zuzuordnen, denn AD(H)S ist in Wirklichkeit eine durch das speziell ausgeprägte Temperament des Kindes angeregte Beziehungsproblematik zu seinen Bezugspersonen, die eine zerstörerische Dynamik entfaltet, unter der alle Beteiligten leiden.
Alle medikamentösen Therapieansätze sowie diejenigen psychotherapeutischen Ansätze, die sich allein auf das Kind fokussieren, stempeln das Kind als „gestört” ab und lasten ihm die ganze Verantwortung auf. Dies schädigt das Kind und entlastet alle anderen Beteiligten!!!

Allein schon die Bezeichnung AD(H)S und die zugehörige Definition der ICD-10 oder DSM-IV weist alle Last dem Kind zu und zieht nicht die Umgebungseinflüsse bzw. die aktive Mitwirkung der Bezugspersonen in Betracht.
Eine systemische Sichtweise in der Psychotherapie, bei der möglichst alle Bezugspersonen und Umgebungseinflüsse mit einbezogen werden, würde meiner Ansicht nach schnell den gewünschten Erfolg bringen, weil nur dieses Vorgehen wirklich ursächlich wäre und die zerstörerische Dynamik zwischen allen Beteiligten wirksam beendet werden kann. Therapie ist jedoch erst erforderlich, wenn sich zerstörerische Dynamiken entwickeln.— Besser wäre es, alle Beteiligten würden bereits präventiv etwas tun (zumal sie damit auch im Umgang mit allen Menschen großen Nutzen daraus ziehen werden!):

So müsste es bereits in Schulklassen sowie in „Eltern-Schulen” Fächer geben, in denen soziales Miteinander und konstruktive, kooperative Beziehungsgestaltung vermittelt und geübt wird. Denn die Eltern sind meist von ihren Eltern in genau diesen Fähigkeiten nicht angeleitet worden. Und so vererbt sich das Unglück von Generation zu Generation. (und nicht etwa, weil es genetische Einflüsse für ADHS gäbe!) Ich möchte wetten, dass kein Kind Symptome entwickeln würde, die mit ADHS bezeichnet werden, wenn man mit ihm von Anfang an wertschätzend und liebevoll begegnet wäre und seine Grundbedürfnisse für eine gesunde Entwicklung erfüllt hätte (Grundbedürfnisse wie sie z.B. in der Schematherapie formuliert worden sind)

Menschen, denen der Stempel AD(H)S aufgedrückt worden ist, zeichnen sich durch ganz spezielle Merkmale ihres Temperamentes und ihrer Sensibilität aus. Damit ein harmonisches Miteinander möglich ist, sind in besonderem Maß Fähigkeiten erforderlich, die leider in keiner Schule gelernt werden und die in der heutigen Gesellschaft leider äußerst rar geworden sind: Es sind die menschlichen Grundlagenfähigkeiten zu Mitgefühl, Einfühlungsvermögen, emotional kompetenter Kommunikation und emotional kompetentem Verhalten.
Kinder mit AD(H)S halten uns allein durch die Tatsache ihrer Besonderheit den Spiegel vor und zeigen uns so, welche menschlichen Fähigkeiten im Miteinander entwickelt werden müssen, um harmonisch miteinander leben zu können. Und natürlich ist das eine Herausforderung! Wer diese Herausforderung nicht annimmt und seine Fähigkeiten nicht erweitern will, wird mit diesen Kindern Schwierigkeiten bekommen.

Noch mal zu den von mir besuchten Selbsthilfegruppen: Jede der o.g. meist über 2-stündigen Gruppensitzungen kreiste um die gleichen Themen, das gleiche Geklage und Gestöhne, immer die gleichen Schwierigkeiten.
Ich machte den Vorschlag, dass man versuchsweise doch mal an einem Abend im Jahr die Gruppe inhaltlich anders strukturieren sollte: Jeder der anwesenden Eltern sollte für sein Kind eine Liste verfassen, auf der er aufschreibt, was er alles an seinem Kind mag, was er bewundert, was er an seinem Kind wertschätzt und anerkennt und warum es so toll und einzigartig ist, dass es genau dieses Kind in der Form gibt, wie es nun mal da ist.
Danach würden alle Eltern der Reihe nach ihre Listen vorlesen und sich anschließend darüber austauschen. Und dann würde der Abend damit beendet, dass die Eltern versprechen (=Hausaufgabe), alles was auf ihrer Liste steht, ihren Kindern in einer ruhigen Stunde mitzuteilen. Außerdem müssten sie täglich diese Liste lesen und auf Vollständigkeit prüfen und ggfs. ergänzen. Und mindestens ein Mal am Tag müssten sie ihren Kindern mindestens eine der Wertschätzungen und Anerkennungen von der Liste mitteilen.
Ernüchternde Antwort der Gruppenleitung: das könnte man nicht machen, weil der Leidensdruck der betroffenen Eltern so groß sei! — Ich hätte schier schreien können angesichts so viel Kurzsichtigkeit: Denn mein Vorschlag hätte aus dem Hamsterrad des ewigen Jammerns und der Fokussierung auf all dessen, was NICHT funktioniert und was problematisch ist, heraus geführt. Mir wurde klar, dass eine Lösung von manchen Teilnehmern unbewusst wohl gar nicht gewünscht ist! Vielleicht ist der primäre Krankheitsgewinn der Eltern in ihrer Leidensrolle zu verlockend hoch???

Um zu dem ursprünglichen Artikel des Ärzteblatts zurück zu kommen:
Er bestätigt mir nur, auf welch abstruse Ideen Unternehmen, Ärzte und Forscher kommen, um noch mehr Kohle zu scheffeln. Und dies auf Kosten einer Minderheit ohne Lobby, den Kindern nämlich, die man mit dem Etikett ADHS abstempelt und als „Sündenbock” für die eigenen Defizite im menschlichen Miteinander benutzt.

Clemens M. Hürten — Lebenslust jetzt! — Rottweil
joerg57 am Samstag, 27. Juli 2013, 10:08
ADHS ist real, diagnostizierbar und behandelbar !
Ich bin Erwachsenen-Therapeut und in der Selbsthilfebewegung aktiv.
In Medien werden immer wieder auf Stammtischniveau Behauptungen über ADHS aufgestellt, die die Mythen weiter pflegen, zum Schaden der Betroffenen.
siehe auch mein Brief an die BPTK:
http://bbpp.de/ADHS/ADHS-Joerg-Dreher-2.pdf
Fidgety Phil am Donnerstag, 18. Juli 2013, 11:02
Zuverlässige Diagnose?
ADHS als Krankheit lässt sich weder mit EEG noch klinisch diagnostizieren (noch sonst irgendwie). Einschlägige Fragebögen oder anamnestische Befunde messen bestenfalls unspezifische Verhaltensweisen, aber keinerlei spezifische Krankheit. Dass die beobachteten Verhaltensweisen eine Krankheit ausdrücken, ist reine Theorie, die nirgends bestätigt (bzw. falsifiziert) ist. Leider vergisst man dies derzeit fleißig.

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