243/556

Gesundheit – 08.07.2013

MERS-CoV: Schwierige Risikoabschätzung vor Ramadan und Hadsch

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für Dienstag, den Beginn des diesjährigen Ramadan, eine Telekonferenz einberufen, auf der Experten über Maßnahmen gegen eine Epidemie mit dem Middle East respiratory syndrome coronavirus (MERS-CoV) beraten sollen, die nach Berechnungen von Mathematikern des Pasteur-Instituts derzeit allerdings extrem unwahrscheinlich ist. 

Die Telekonferenz wurde am Freitag von Keiji Fukuda, dem stellvertretenden WHO-Generaldirektor, unter Bezug auf die International Health Regulations (IHR) angekündigt. Die IHR sind international bindendes Recht und die Empfehlungen des Gremiums, beispielsweise Reisewarnungen, müssten von den Mitgliedsländern umgesetzt werden.

Beim MERS-CoV, der bisher vor allem auf der arabischen Halbinsel aufgetreten ist, könnte eine Reisewarnung die Umrah, die kleine Pilgerschaft, die viele Muslime anlässlich des Ramadan unternehmen, beeinträchtigen. Die größte Sorge gilt allerdings dem Hadsch, der großen Pilgerreise, die dieses Jahr im Oktober stattfinden und während der mehr als 2 Millionen Menschen Mekka und Medina besuchen werden. Sie könnte einer Epidemie mit MERS-CoV Tür und Tor öffnen.   

Eine Reisewarnung erwartet zum derzeitigen Zeitpunkt jedoch niemand, auch wenn eine Studie im New England Journal of Medicine kürzlich gezeigt hat, dass einige Patienten hochansteckend sind und als „Superspreader“ in Kliniken schnell eine kleine Epidemie auslösen können (die in den betroffenen Kliniken in Saudi-Arabien jedoch im Keim erstickt werden konnte). Gegen die Gefahr einer bevor­stehenden Pandemie spricht, dass MERS-CoV seit mehr als einem Jahr auf niedriger Flamme kocht. Bis
zum 7. Juli wurden 80 laborbestätigte Fälle bekannt mit 44 Todesfällen.

Die meisten Erkrankungen sind weiter auf den Osten der arabischen Halbinsel beschränkt und die Infektiosität ist im Allgemeinen gering (es sei denn, eine Vielzahl von inapparenten Fällen wurde bisher übersehen). Arnaud Fontanet vom Institut Pasteur in Paris schätzte im Lancet (2013; doi:
10.1016/S0140-6736(13)61492-0) die Basisreproduktionszahl R0 selbst in einer „Worst-Case“-Analyse nur auf 0,69. Sie blieb auch am oberen Ende des 95-Prozent-Konfidenzintervalls, das von 0,50 bis 0,92 reicht, unterhalb des Wertes von 1, ab dem eine Ausbreitung sich selbst erhalten kann. Bei der
SARS-Epidemie 2002/3 hatte R0 zwischen 2,2 und 3,7 gelegen.

Dies galt allerdings nur für die pandemische Phase von SARS. Ihr ging eine prä-pandemische Phase voraus, in der die Epidemie mit einem Wert von 0,8 (0,54-1,13) vor sich hin köchelte. Zwischen dem Glimmen und dem Flächenbrand kann jedoch nur eine Mutation liegen, was die Vorsicht der WHO erklärt.


Bookmark-Service:
243/556
Gesundheit
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs
Vom Arztdasein in Amerika