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Britain-Brain-Blog – 16.05.2013

„Bobby“ - Frauen und Männer in Uniform

Bis ich anfing, in der Psychiatrie zu arbeiten, hatte ich mit der Polizei immer recht wenig zu tun. In der deutschen Psychiatrie machte ich dann erste Erfahrungen mit freundlichen Beamten, die uns vor aggressiven Patienten beschützten oder genervten Exemplaren, die Personenbeschreibungen für entlaufene Untergebrachte aufnahmen.

Hier in England habe ich das Konstrukt des Paragrafen 136 kennengelernt. Das bedeutet, dass die Polizei jeden auf der Straße, der ihnen psychisch krank erscheint, in eine Krankenhausnotaufnahme zur Abklärung bringen kann. In der Notaufnahme werden die Patienten dann meist von Notfallmedizinern kurz untersucht und müssen dann auf den Psychiater warten. Die Regel lautet, dass diese Patienten Priorität haben und binnen einer Stunde gesehen werden sollten.

Ein Grund dafür ist, dass die Polizisten den Patienten bewachen müssen, bis er entweder entlassen oder untergebracht wird. Häufig (ich möchte fast schon sagen üblicherweise) sind diese Patienten jedoch so intoxikiert (Alkohol!), dass wir eine volle psychiatrische Anamnese ablehnen müssen, so die Regel. Die Patienten müssen also in den meisten Fällen ausnüchtern, bevor wir sie ausführlicher sprechen.

Ausnahmen gibt es schon mal für Pegeltrinker, die bei kleineren Promille schon adäquat wirken. In der deutschen Psychiatrie, in der ich damals gearbeitet habe wurden intoxikierte Patienten üblicherweise aufgenommen (und ggf. gemäß PsychKG untergebracht so lange Eigen- und Fremdgefährdung bestanden). In England jedoch ist es relativ schwer, jemanden aufzunehmen. Daher warten die Polizisten stundenlang mit dem Patienten, bis er eben „fit for assessment“ ist.

Bei jemandem mit 1.4 Promille und einem durchschnittlichen Alkoholabbau von 0.1 Promille pro Stunde kann das schon mal seeeeehr lange dauern. Da ich den Patienten alle paar Stunden wieder sehe, um mittels Atemalkoholkonzentration und Kurzgespräch zu ermitteln, wie der Stand der Dinge ist, habe ich häufiger (indirekt) mit den Polizisten zu tun. Polizisten werden hier übrigens auch „Bobbies“ nach einem ehemaligen Innenminister genannt, der das britische Polizeisystem entscheidend prägte (Sir Robert Peel).

Eigentlich taten mir die Herren und Damen in Uniform ja immer leid, weil das ja doch recht langweilig oder je nach Kooperationsbereitschaft des Patienten auch anstrengend werden kann. Mittlerweile wurde mir jedoch gerüchteweise zugetragen, dass die Polizisten unserer Stadt manchmal ganz froh sind, wenn sie ein paar Stunden abwarten und Tee trinken können anstatt Streife zu fahren. Jedes Blatt hat eben zwei Seiten.


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