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Gesundheit – 28.02.2013

Harnschau mit dem iPhone

Vor einem Jahr durfte Myshkin Ingawale, ein quirliger Programmierer aus Mumbai, auf der „Technology, Education and Design conference“ (TED) in Los Angeles, die unter Computer-Nerds Kultcharakter genießt, ein kleiner Gerät vorstellen, mit dem, so Ingawale, bis 2020 weltweit Millionen von Todesfälle durch Anämien verhindert werden könnten (gemeint war die hohe Müttersterblichkeit durch postpartale Blutungen in Afrika und Südasien). Was der junge Mann damals dem staunenden Publikum präsen­tierte, war allerdings nichts anderes als ein Gerät zur Pulsoxymetrie, wie es seit langem in jeder
Klinik eingesetzt wird. Nicht unbedingt eine Innovation.

Die Pulsoxymetrie misst die Absorption von Lichtstrahlen in der Fingerkuppe, um daraus die Sauerstoffsättigung des Blutes abzuschätzen. Ingawale präsentierte ein Gerät, das den Hb-Wert anzeigte, offenbar das Resultat geräteinterner Berechnungen. Der Nachweis, dass die Messergebnisse valide sind, steht noch aus: ToucHb, so der Name des Geräts, das Ingawale weltweit an alle Kliniken verkaufen möchte, wurde bisher nirgend eingeführt. Ob es Abnehmer finden würde, ist ebenfalls fraglich. Es gibt bereits miniaturisierte Geräte, die den Hb-Wertes in einem Blutstropfen zuverlässiger bestimmen. Im übrigen ist die Müttersterblichkeit nicht Folge einer unzureichenden Diagnostik, sie ist eher auf eine fehlende medizinische Grundversorgung zurückzuführen.  

In diesem Jahre stellt Ingawale eine weitere Innovation vor, die die „Demokratisierung der Medizin“ weiter vorantreiben soll. Darunter versteht Ingawale die Bereitstellung von Diagnostika für die Bevölkerung, um sie von Arztbesuchen unabhängig zu machen. Ob die uChek-App, das demnächst für das iPhone verfügbar sein soll, dies leisten kann, darf bezweifelt werden. uChek soll laut Hersteller 8 bis 10 Parameter im Urin bestimmen, und mit der Information bis zu 25 verschiedene Diagnosen stellen.

Eine echte Innovation ist uChek allerdings nicht. Das App nutzt lediglich die eingebaute Kamera des Smart-Phones, um die Ergebnisse der Teststreifen abzulesen, was der gewöhnliche Verbraucher bisher mit Hilfe einer Farbskala auf der Verpackung machen muss (und womöglich besser leistet als die App, die das Problem der Kalibrierung und des Weißabgleichs bei unterschiedlichen Beleuchtungs­verhältnissen technisch lösen muss).

Dass die App die Ergebnisse speichert, um eine Verlaufsbeobachtung zu ermöglichen, dürfte nur am Anfang den Spaßfaktor erhöhen. Schließlich sind die Teststreifen nicht ganz billig. Am Ende wird die App das Versprechen einer sofortigen Diagnose kaum einlösen können. Schließlich ist die Harnanalyse in der Regel nur ein Baustein in einer medizinischen Differenzialdiagnose, die zur weiteren Eingrenzung meistens doch weitere invasive Untersuchungen und einen Arztbesuch erforderlich machen wird.


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