175/298

Vom Arztdasein in Amerika – 03.12.2012

Obamas Sieg – Sieg der Sozialdemokratie

Die überwältigende Mehrheit der Deutschen ist bestimmt glücklich darüber, dass Dr. Barack Hussein Obama („Obama”) und nicht Dr. Willard Mitt Romney („Romney”) die US-Präsidentenwahl des Jahres 2012 gewonnen hat. Er war in allen Umfragen in Deutschland stets Favorit mit meist mehr als 90% Zustimmung. In den USA ist die Meinung deutlich geteilter: Knapp 47% haben für Romney, knapp 51% für Obama gestimmt.

Aus ärztlicher Sicht bedeutet der Sieg Obamas eine weitere Sozialdemokratisierung des Gesundheitswesens: mehr staatliche Einmischung, einen höheren Grad an staatlich versicherten Patienten, mehr staatliche Richtlinien et cetera. Das gefällt vielen Ärzten nicht, gerade den aus dem Ausland stammenden Ärzten, die zumeist aus staatlich gelenkten Gesundheitssystemen kommen.

Es ging bei der Wahl Romney und Obama um zwei unterschiedliche Ausprägungen des Gesundheitssystems: Einer marktliberaleren auf der einen Seite (Romney) und einem sozialdemokratischeren auf der anderen Seite (Obama).

Beim marktliberalen Modell gibt es für unterschiedliche Patienten unterschiedliche Zugänge zum Gesundheitswesen, d.h. manche müssen individuelle Gesundheitskosten mittels Versicherung, andere mittels eigener angesparter oder eben nicht angesparter Ressourcen begleichen – das bedeutet gröβere individuelle Freiheit, Ressourcen für eigene Zwecke anzusparen, statt sie in einen Topf staatlich erzwungener Versicherungssysteme für alle zu stecken, aber es bedeutet auch gröβere individuelle Unsicherheit im Krankheitsfall.

Weiterhin sind Ärzte deutlich unabhängiger vom Staat in solch einem Modell, weil sie von unterschiedlichen Krankenversicherungen unterschiedlich bezahlt werden. Sie können einzelne Versicherungen präferieren, andere wiederum ablehnen – das bedeutet für Ärzte mehr Freiheit, aber auch gröβere finanzielle Unsicherheit im Vergleich zu einem staatlichen Topf, der stets den gleichen Fixbetrag für eine bestimmte Gesundheitsleistung bezahlt, ob man kompetent ist oder nicht, hart arbeitet oder nicht.

Dagegen gibt es in sozialdemokratische Gesundheitssystemen, wie sie Obama vorschweben, oft nur eine einheitliche (Stichwort „NHS” in England) oder nur wenige Krankenversicherungen, in denen Bürger zwangsversichert sind und Zwangsabgaben (Stichwort „Krankenversicherungsbeitrag”) bezahlen müssen, ob sie die Versicherung nun nutzen oder nicht, ob sie etwas für ihre Gesundheit tun oder nicht. Der Arzt muss diese Versicherung auch fast immer mangels Alternativen akzeptieren.

Der Vorteil des sozialdemokratischeren Modells ist ein moralischer: Es fühlt sich moralisch höherwertiger an, jedem Menschen das Gut Gesundheit nicht vorzuenthalten bzw. eine Behandlung bei Krankheit zu ermöglichen.

Mehrere Probleme sind jedoch in diesem Modell zu beachten: Unbegrenzte Nachfrage führt zu schnell steigenden Kosten und schließlich zu erwungener Rationierung, d.h. wenn jeder jederzeit und kostenfrei zum Arzt gehen kann, muss der Staat mittels Gesetzen und damit mittels Arzt Wartelisten und bestimmte Medikamentenlisten einführen.

Weiterhin rührt ein Groβteil ärztlicher Unzufriedenheit nicht aus dem Umgang mit Patienten her, sondern aus dem Umgang mit staatlichen Vorschriften und durch sie verursachte Bürokratie. Darüber hinaus ist es ein groβes Problem des sozialdemokratischen Modells, dass davon ausgegangen wird, Ärzte seien ein öffentliches Gut und deren individuelle Zufriedenheit und Unabhängigkeit müsste dem öffentlichen Willen und Nutzen untergeordnet werden – sie arbeiten zu bestimmten Löhnen und Bedingungen, bei denen sie weder individuell noch kollektiv ein Mitspracherecht haben. Solche sozialdemokratischen Modelle negieren die Wünsche des ärztlichen Individuums zugunsten des allgemeinen Wohls – was langfristig schmerzhaft für die Ärzte in solch einem System sein kann, wenn es z.B. an allen Ecken und Enden sparen muss und diesen Druck an Ärzte weitergibt.


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Donnerstag, 6. Dezember 2012, 17:52
Das Ende der industriellen Revolution
Als H4-Profi hat man ja die Wahl, ob man seine Zeit damit verbringen will, seine Stütze zu versaufen oder Volkswirtschaft zu studieren. ich habe mich für letzteres entschieden. Damit soll aber keine Wertung verbunden sein. Im Gegenteil: Die Kollegen, die lieber ihre Stütze versaufen, tun vom volkswirtschaftlichn Standpunkt aus vermutlich sogar nützlicheres.

Die Industrielle Revolution geht zu Ende und das Ertragsgesetz macht sich wieder bemerkbar. Egal wie stark wir die Produktionsfaktoren erhöhen, die Erträge werden nur noch minimal ansteigen. Folglich wird der Lebensstandard sinken, in Deutschland vermutlich auf H4-Niveau. Mir macht das nichts aus, weil ich ja daran gewöhnt bin, aber die anderen hier sollten sich langsam an den Gedanken gewöhnen, ihre Essen künftig bei der Tafel zu holen.
petrulus am Mittwoch, 5. Dezember 2012, 18:48
Stabilitaet
Es gibt die Hypothese wonach egalitaere Systeme zwar stabil, dafuer aber stagnierend seien. Ressourcen werden statt in Innovation und Bildung vielmehr fuer Beibehaltung des Status Quo beziehungsweise der Mittlung des Lebensstandards verwandt; entsprechend ist gemaesz dieser soziologisch-oekonomischen Hypothese der Leistungsanreiz nicht allzu sehr bei den Leistungswilligen ausgepraegt. Oder sie wandern aus. In divergenten Gesellschaften in denen Verteilung der Ressourcen etwas weniger im Vordergrund steht und Ungleichheiten akzeptiert werden, so die Hypothese, sind zwar Stabilitaet auf Mikrokosmosebene weniger stark ausgepraegt, dafuer aber Innovationskraft staerker vorhanden. Beispiele koennten die USA und China im 21. Jahrhundert sein, das Deutsche Kaiserreich und das Englische Imperium im 19. Jahrhundert.
Was die Wahl Obamas in solch einem Kontext bedeuten koennte, sollte diese Hypothese korrekt sein, ist wohl ersichtlich.
Bruddler am Dienstag, 4. Dezember 2012, 19:10
Kosten?
Petrulus sollte nicht verschweigen, daß die bisherige überwiegend markliberale Medizin in den USA auf groteske, ja geradezu obszöne Weise weltweit mit Abstand die höchsten Kosten verursacht. Deshalb ist der Unterschied nicht nur ein moralischer, sondern ein praktischer: Der US Amerikaner ist genau eine Diagnose entfernt vom Bankrott.
regionnord am Dienstag, 4. Dezember 2012, 16:17
Das gute
Das gute am "sozial demokratischen Gesundheitssystem" ist die Sicherheit für den Patienten, das Wissen dass der Ärzt mich genauso gut behandelt wie den Patient vor mir wir nach mir. Zu wissen dass die Behandlung dem Patienten dient und nicht dem Arzt.
In einem privaten Modell wo der Arzt unabhängig ist wird der Patient immer zwischen diversen Behandlungen wählen können, jedoch nicht wissen welche wirklich die beste ist (teuer, billig etc). Einem Laie diese Wahl zu überlassen ist schlechtweg verkehrt und unmoralisch (Es hat schliesslich einen Grund warum die Ausbildung zum Facharzt etwa 10-15 Jahre dauert).

Aber auch für den Arzt sollte das Sozialdemokratische System besser sein. Er behandelt alle Menschen gleich gut, muss niemanden nachhause schicken der nicht das nötige Kleingeld hat für eine lebenswichtige Operation etc. Weiter sollte das Verhältniss zwischen Patient und Arzt durch dieses system gestärkt sein, da der Arzt 100 % ehrlich sein kann, da seine Behandlungswahl etc. seinen Lohn nicht beeinflusst. Dieses sehe ich in Dänemark wo Ärzte und Patienten ein sehr gutes Verhältniss haben, leider ist dieses Vertrauen in Deutschland nicht der Fall (u.a. wegen der Abrechnung der "privaten"/öffentlichen Ärzten).
L.A. am Dienstag, 4. Dezember 2012, 15:23
Ich bevorzuge unser deutsches Modell, ABER:
1. Ein Sockel- (Mindest-) Beitrag für alle bei der Krankenversicherung !
2. Grundsätzlich Eigenbeteiligung ! Jeder (!) Arztkontakt 5 oder 10 Euro bar für den Arzt. Zuzahlungen bei Untersuchungen und Medikamenten.
Soziale Härtefälle im Einzelfall lösen.
"Vollkasko"-Versicherungen sind immer ein Übel, weil es keinen Anreiz zum sparsamen Gebrauch knapper Güter setzt.
Andreas Skrziepietz am Dienstag, 4. Dezember 2012, 14:30
Der Vorteil des sozialdemokratischeren Modells ist ein moralischer:
Nicht nur. Auch ein finanzieller: das fehlen einer versicherungspflicht führt zur negativauslese, weil junge und gesunde menschen dann eher auf eine versicherung verzichten. die gruppe der versicherten besteht deshalb meist aus leuten, die wirklich krank sind und leistungen in anspruch nehmen. dadurch steigen die prämien.

Bookmark-Service:
175/298
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs