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Britain-Brain-Blog – 05.12.2012

Portfolio – Das macht man so…

Während des Bewerbungsverfahrens in England haben wir uns kennengelernt, und mittlerweile stehen wir uns sehr nahe: das Portfolio und ich.

Hierbei handelt es sich gewissermaßen um ein Sammelsurium wie der Lebenslauf, Nachweisen klinischer Tätigkeit, gehaltene Vorträge, Zertifikate und Auszeichnungen. Soweit eigentlich nicht ungewöhnlich, ähnlich einer deutschen Bewerbungsmappe. Hinzu kommen dann jedoch Anforderungen, die dem deutschen Arzt eher exotisch erscheinen. Denn weitere wichtige Elemente sind selbst verfasste Reflektionen über die klinische Tätigkeit oder Pläne, wie man sich weiterentwickeln möchte. Üblich ist es darüber hinaus, „Dankeschön-Karten“ von Patienten / Kollegen oder auch Beschwerden und die Auseinandersetzung damit einzufügen.

Das Ganze wird dann individuell aufbereitet und beispielsweise in Einzel-Abschnitte entsprechend der vom „General Medical Council“ (≈ englische Bundesärztekammer) benannten Punkte guter medizinischer Praxis geordnet. Zu diesen Punkten gehören: Gute medizinische Versorgung, Aufrechterhaltung guter medizinischer Praxis, Beziehung zu Patienten, Beziehung zu Kollegen, Unterricht und Training, Redlichkeit sowie Gesundheit. Mit Letzterer ist übrigens die eigene Gesundheit gemeint, deren Pflege als wichtiger Teil ärztlicher Verantwortung betrachtet wird.

Das Verfassen von (kurzen) Reflektionen über meine Erlebnisse in der Klinik war einerseits aufwendig, andererseits geradezu befreiend, weil es doch immer wieder Patienten oder Fälle gibt, die einen länger beschäftigen. Reflektieren heißt in diesem Fall nicht nur (anonymisiert) zu schreiben, was war, sondern auch zu benennen, was man daraus gelernt hat, bzw. was man noch lernen muss. Eigentlich ist es schade, dass solche Reflektionen in der deutschen Ausbildung keinen festen Platz haben.

Nachdem ich alles zusammen gesammelt und geschrieben hatte, war ein dicker Aktenordner entstanden, den ich dann beim Bewerbungstag vorlegen konnte. Genauso ein gut gefüllter Ordner wird hier auch erwartet, so dass meiner in der Präsentation noch recht schmal war im Vergleich zu denen der englischen Kollegen, die dafür seit Jahren sammelten.

Mittlerweile – seit Beginn meines Trainings in England – bin ich angehalten, ein elektronisches Portfolio zu führen. Dies entspricht ungefähr dem in der deutschen Weiterbildung nun üblichen Logbuch. Vorteile sind Übersichtlichkeit und Erreichbarkeit von jedem Computer mit Internetanschluss. Nachteile sind die Notwendigkeit, seitenlange Formulare auszufüllen, und diese dann statt „mal eben schnell“ per Unterschrift abzeichnen zu lassen und per E-mail weiterleiten und autorisieren lassen zu müssen (was unterschiedlich gut klappt).

Eigentlich finde ich es fast schade, den Papier-Ordner nicht weiterzuführen, denn wenn ich nun durchblättere, was darin ist, ist es fast wie ein Album meiner ersten Zeit als frisch gebackene Ärztin. Mit Erinnerungen wie einem Zeitungsartikel aus unserer Klinik oder gemalten Bildern, die eine an Schizophrenie erkrankte Patientin mir geschenkt hatte.

Vielleicht hefte ich bei Gelegenheit wieder etwas dazu… 


Leserkommentare

Andreas Skrziepietz am Mittwoch, 5. Dezember 2012, 19:16
Immer noch Laaangweilig
Warum lassen sich Ärzte eigentlich ihr ganzes Leben lang mit Weirebildungsmaßnahmen und Prüfungen terrorisieren? Machen Lehrer und Juristen das auch? Oder ist da ein den Ärzten eigener masochismus am Werk?
petrulus am Mittwoch, 5. Dezember 2012, 18:41
Balints Erbe
Danke fuers Teilen - Psychiater sind wirklich nicht nur Fremd-, sondern auch Eigenseelenkenner. Begeisternd! Ich vermute, dasz diese Selbstreflexionen ein Erbe Michael Balints sind, der doch nach seiner Emigration aus Deutschland der spaetere Psychiatriepraesident der britischen Psychiatriegesellschaft wurde und vieles Gegenwaertige mitpraegte.
Weiter so - spannende Berichte!

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