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Gesundheit – 16.11.2012

Oberflächliche Einblicke in Einsteins Gehirn

Als der Pathologe Thomas Harvey am 18. April 1955 bei der Autopsie das Gehirn des Physikern entnahm, musste er eigentlich enttäuscht sein. Das Gewicht lag mit 1230 Gramm unter dem Durchschnitt für Männer, das mit 1360 Gramm angegeben wird. Noch ließen sich auf den ersten Blick irgendwelche Besonderheiten erkennen, die die Genialität Einsteins erklären könnten. 

Doch Harvey ließ nicht locker, er fertigte Schwarzweiß-Fotos (mit einer Exakta 35) an und zerteilte das Gehirn – angeblich mit Einwilligung des Sohnes Hans Albert und des Testamentsvollstreckers Otto Nathan, die bei der Autopsie anwesend waren – in 240 Blöcke. Die Blöcke wurden in Celloidin fixiert, um daraus Dünnschnitte für weitere histologische Untersuchungen anzufertigen.

Diese verschickte Harvey in den folgenden Jahren an nicht weniger als 18 Kollegen. Zuvor hatte er wohl – nach seiner Entlassung – die Präparate mit seinem Auto quer durch die USA kutschiert, was Anlass für urbane Legenden, Dokumentarfilme und Bücher geben sollte.

Der wissenschaftliche Ertrag der „Mission“ blieb jedoch spärlich. In Peer-Review-Fachzeitschriften erschienen nur sechs Publikationen: Sie berichteten über erhöhte „Glia-Neuron-Quotienten“, eine „erhöhte neuronale Dichte“ oder verlängerte „Astrozytenfortsätze“, die die Pathologen hier oder dort im Gehirn entdeckt hatten. Wirklich bahnbrechende Erkenntnisse sind das nicht. Und es drängt sich der Verdacht auf, dass der Physiker seine Theorien vielleicht mit dem Gehirn eines Durchschnittsmenschen entwickelt haben könnte.

Dies scheint die Anthropologin Dean Falk von der University of Florida State University in Tallahassee nicht akzeptieren zu können. Schon in einer früheren Publikation hatte sie über eine „ungewöhnlichen Makroanatomie“ in bestimmten Bereichen des Gehirns sinniert. Jetzt konnte sie 14 weitere Schwarzweiß-Fotos begutachten, die die Harvey‘s Erben kürzlich dem National Museum of Health and Medicine in Silver Spring, Maryland zur Verfügung gestellt hatten.

Falk hat jede einzelne Fotografie analysiert, und mit Zeichnungen lenkt sie die Aufmerksamkeit auf einige ihrer Ansicht nach ungewöhnliche Hirnwindungen Einsteins. So soll der präfrontale Cortex besonders stark entwickelt sein, ein Zeichen für die ungewöhnlichen kognitiven Fähigkeiten des Physikers.

Im somatosensorischen und somatomotorischen Cortex entdeckte Falk eine Vergrößerung der Regionen, die Zunge und Gesicht repräsentieren. Hatte der Forscher nicht irgendwann gesagt, dass er mehr mit den Muskeln als mit Worten denke? Ungewöhnlich seien auch die Hirnwindungen im Parietallappen, die Falk mit dem außergewöhnlichen räumlichen Vorstellungsvermögen und den mathematischen Fähigkeiten Einsteins in Verbindung bringt. Auch eine gewisse Asymmetrie der Großhirnrinde deutet Falk als Zeichen für die Genialität des Forschers.

Einem unbedarften Beobachter der Fotos bleiben diese Erkenntnisse verborgen. Der Versuch durch die oberflächliche Makroanatomie auf die Leistungsfähigkeit des Gehirns zu schließen, mutet ein wenig an wie ein Softwaretest, durchgeführt am ausgeschaltetem Rechner durch Inspektion der Festplatte mit einem älteren Vergrößerungsglas, das man zufällig auf dem Flohmarkt entdeckt hat.

Irgendwie hat man den Eindruck, dass die Forscherin von der Person und den Leistungen Einsteins auf die Morphologie geschlossen hat und einer selektiven Wahrnehmung erlag. Was Falk wohl entdeckt hätte, wenn man ihr die Fotos vom Gehirn eines ganz normalen Menschen oder eines notorischen Schwerverbrechers untergeschoben hätte.


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