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Gesundheit – 09.11.2012

Stumme Fehldiagnose: Wenn Ärzte die Wünsche der Patienten falsch einschätzen

Die Zeiten, in denen Ärzte am besten wussten, was für ihre Patienten am besten ist, sollten vorbei sein. In der Regel treffen Arzt und Patient heute die Therapieentscheidungen gemeinsam. So weit, so gut. Es gibt jedoch subtile Missverständnisse. So fanden plastische Chirurgen aus North Carolina jüngst in einer Umfrage heraus, dass 71 Prozent der Gynäkologen der Ansicht waren, dass der Erhalt der Brust für Frauen mit Mammakarzinom eine Top Priorität hat. Von den betroffenen Frauen waren jedoch nur 7 Prozent dieser Ansicht. Viele würden ein Leben ohne Implantat bevorzugen.

Auch in der Frage, ob eine Chemotherapie auf jeden Fall durchgeführt werden sollte, selbst wenn sie das Leben nur um wenige Monate verlängert, waren Ärzte und Patientinnen häufig geteilter Ansicht (Ann Plastic Surg 2010; 64: 563-6). Urologen unterschätzen häufig die Folgen von sexuellen Dysfunktionen für ihre Patienten. Nach einer genauen Aufklärung entschieden sich in einer Studie 40 Prozent weniger Patienten für eine operative Lösung ihrer benignen Prostatahyperplasie (Med Care 1995; 33: 765-70).

Auch die Entscheidung zur Hysterektomie bei einer benignen Menorrhagie hängt stark von der Aufklärung der Patientinnen ab (JAMA 2002; 288: 2701-8). Ein anderes Beispiel ist die Indikation zur perkutanen koronaren Intervention bei Patienten stabiler Angina. Informierte Patienten verzichten häufiger darauf (J Gen Intern Med 2000; 15: 685-93).

Albert Mulley vom Dartmouth Center for Health Care Delivery Science in Hanover, New Hampshire, spricht in einem Beitrag zum Britischen Ärzteblatt in den Fällen, in denen die Ärzte die Präferenz des Patienten falsch einschätzen, von einer „stummen Fehldiagnose“. Mulley rät den Ärzten zu einem Dreistufenplan, um die Präferenzen ihrer Patienten richtig einzuschätzen.

Als erstes sollten sie ihre Unvoreingenommenheit prüfen, etwa mit den Fragen, „Was würde ich in diesem Fall unternehmen?“ oder „Wozu würde ich meiner Frau raten?“. Dann sollten sie sich Gedanken über die möglichen Patientenpräferenzen machen und dazu eine „Verdachtsdiagnose“ erstellen. Erst im dritten Schritt könnten sie dann gezielt mit dem Patienten über das Für und Wider einer Therapie (oder auch weitergehenden Diagnostik) reden. Dabei sollten die verschiedene Möglichkeiten offen gelegt werden (Team talk), danach ihre Vor- und Nachteile erläutert (Option talk) werden, um schließlich im Gespräch eine Entscheidung herbeizuführen (Decision Talk).

Das Ergebnis ist häufig ressourcenschonend. Wie auf anderen Märkten werden weniger Leistungen konsumiert, wenn die Patienten ihre Bedürfnisse schließlich über ihre anfänglichen Wünsche stellen. Der Mehraufwand könnte sich für den Arzt lohnen, da ein weniger „konsumierender“ Patient das Praxisbudget des Arztes weniger belastet.


Leserkommentare

Vanilla am Montag, 12. November 2012, 11:13
Ignoranz gegenüber Frauen im Gesundheitswesen
Es wundert mich nicht, dass als erstes Beispiel die Gynäkologen aufgeführt werden. Meiner Ansicht nach haben insbesondere Gynäkologen massive Probleme damit, die betroffenen Frauen als Gesprächspartner auf gleicher Augenhöhe zu akzeptieren. Das fängt beim Thema Früherkennung an, wenn durch die Patientin selbst getastete Knoten nicht abgeklärt werden und hört bei der Frage Brustamputation vs. brusterhaltende Therapie auf. Letztendlich ist dies Ausdruck einer Ignoranz insbesondere gegenüber Frauen in unserem Gesundheitswesen.

Loewenherz am Samstag, 10. November 2012, 15:22
Praxisbudget...
"Der Mehraufwand könnte sich für den Arzt lohnen, da ein weniger „konsumierender“ Patient das Praxisbudget des Arztes weniger belastet."

genau, denn wie wir alle wissen, werden sprechende, aufklärerische und den Patienten einbeziehende Gespräche und Re-Gespräche ja deutlich besser vergütet, als die gleiche Zeit im OP.

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