182/296

Vom Arztdasein in Amerika – 22.10.2012

Unversicherte Patienten – Teil II

Es ereignete sich jüngst das, was sich leider nicht allzu selten abspielt: Ein Arztkollege aus einer anderen Arztgruppe hat versucht, mir einen unversicherten Patienten „unterzuschieben”. Dieses Wort „unterschieben” klingt wirklich hässlich, und mit langem Zögern erst benutze ich es an dieser Stelle, weil wir doch immerhin hier über einen kranken Menschen reden, aber es beschreibt das nagende und dumpfe Gefühl, das in mir herrscht am besten.

Was war passiert? Ein 23-jähriger drogenabhängiger Patient – ohne Krankenversicherung – stellte sich in der Notaufnahme wegen mehrerer Abszesse im Arm-, aber auch Rektalbereich vor. Er war schwer krank und wurde in jener Nacht von einem Dr. P., einem Internisten, der für alle unversicherten Patienten in jener Nacht zuständig war, aufgenommen. Dr. P. hat seine eigene Arztgruppe und nimmt viele Patienten auf und gilt als geldorientiert.

Ein Diastolikum und schlechte Blutwerte legten bei jenem Patienten schnell den Verdacht einer Endokarditis nahe, was angesichts des jungen Alters des Patienten tragisch wäre. Und da er keine Krankenversicherung besitzt, würde er beim aufnehmenden Arzt potenziell sechs Wochen bis zur Ausbehandlung der Endokarditis hospitalisiert bleiben. Denn die ambulante Antibiose würde nicht bezahlt werden, und eine vorzeitige Entlassung und damit nur teilbehandelte Endokarditis wäre ein massives medizinisches und juristisches Haftungsproblem. Ganz zu schweigen vom erhöhten Risiko einer juristischen Klage sollte die Behandlung nicht so reibungslos laufen, wie man sie sich erhofft.

Erwähnt werden muss weiterhin, dass der Arzt für diese Behandlungswochen überhaupt kein Einkommen erhalten wird – denn wer bezahlt seine Rechnungen, wenn der Patient kein Geld und keine Versicherung hat? Das mag Dr. P. wohl durch den Kopf gegangen sein, als er ein hochblasiges Diastolikum beim Patienten auskultierte.

So schrieb Dr. P. die Anweisung „Verlegung auf Station zu Dr. Petrulus” und gab der Krankenschwester mündlich zu verstehen, dass der Patient in so hohen Tönen von meiner Kompetenz geschwärmt hätte, dass er gerne von mir behandelt werden wolle, also eine Verlegung ganz im Interesse des Patienten und auch meines Interesses sei.

So erhielt ich nichtsahnend einen Anruf und nahm zunächst den Patienten an – ich will doch helfen! Doch allmählich offenbarte sich mir der Sachverhalt, und mir wurde klar, dass jener Dr. P. den Patienten einfach nur bei mir „abladen”, bzw. mir „unterschieben” wollte und mich jener Patient gar nicht namentlich kannte. Lange Diskussionen folgten, Dr. P. sprach von einem Kommunikationsfehler und nahm den Patienten wieder zu sich auf Station, „er habe dem Patienten doch nur einen Gefallen tun wollen”….

Wer’s glaubt, wird selig. Denn es wird getrickst, wenn es ums Geld geht. Die Einführung einer allgemeinen Krankenversicherung bringt zwar viele Probleme mit sich, behebt aber dafür andere – wie dieses zum Beispiel.

Wobei noch hervorzuheben sei, dass der Patient, der seine Erkrankung weitestgehend selbst verschuldet hatte, sich an jenem Tag über uns Ärzte und das Hin und Her beschwerte. Das empfand ich als dreist, denn er trug klar die Hauptschuld, nicht nur an seiner Erkrankung, sondern auch an seinem Versicherungsstatus: Er hätte sein Geld statt in Drogen auch in eine Krankenversicherung investieren können. Niemand zwang ihn dazu, die staatlichen Entzugsprogramme nicht zu besuchen und stattdessen die Nadeln in seine Haut und Venen zu schieben.


Leserkommentare

ymikhlin am Samstag, 27. Oktober 2012, 16:22
Am Problem vorbei.
Liebe Freunde! Schade, daß wir den Fall mit der Klage wg. der Lungenmbole nicht weiter diskutiert haben, ich habe wirklich den Eindruck, daß die Medizin gerade in diesem Blog weit auf der Strecke bleibt - vielen geht es um ganz Anderes!

Ich würde vorschlagen, vor allem diesen Patienten rein medizinisch zu betrachten.

Zuerst: "ein 23-jähriger drogenabhängiger Patient ... stellte sich in der Notaufnahme wegen mehrerer Abszesse im Arm-, aber auch Rektalbereich vor".

Abszesse, u.a. im Rektalbereich: nichts für Internisten! Der Chirurg muß zumindest mit-ansehen und mit-behandeln! Ich kenne noch keinen Internisten der Abzesse eröffnete bzw. ausschnitt.

Dann gehts weiter: Diastolikum. An sich ist ein Diastolikum i.d.r. relativ schwierig zu hören, ich würde differenzialdiagnostisch auch an ein Holosystolikum/Maschinengeräusch denken.
Beim drogenabhängigen Patienten könnte es eine höhergradige Trikuspidalinsuffizienz sein - aber das ist wiederum nichts (mehr) für einen allgemein-Internisten, der in den USA kein Echo - von TEE ganz zuschweigen - können muß. Nein, keine Abwertung der US-Ausbildung, man muß nur "+" und "-" kennen und Hilfe holen, in diesem Fall muß der Kardiologe auch kommen.

Und jetzt habe ich nicht verstanden. Ist es richtig, daß Petrulus und Dr.P eine Art Belegstationen im Krankenhaus unterhalten? Wenn ja - wie soll dieses System funktionieren?
Denn dieser Patient ist eine richtiges "Schätzchen" - und er kostet nicht nur geld sondern auch enormen Aufwand!

Ich würde mich gene auf Antworten freuen :)
orangencreme am Dienstag, 23. Oktober 2012, 18:30
Berechtigte Kritik
Der Kollege Petrulus übt hier berechtigte Kritik sowohl am Verhalten des Kollegen als auch an der Nörgel- und Beschwerdeneigung des Patienten.

Der Kollege versuchte Arbeit, die klar zu seinen Pflichten gehörte, auf andere abzuschieben. Das ist ein auch hierzulande anzutreffendes Phänomen und durchaus kritikwürdig. Ein Freund von mir berichtete vor einigen Monaten z.B., dass er konsilarisch in einer anderen Klinik des Hauses unterwegs war und bei dieser Gelegenheit ein Gespräch anhörte, in dem chirurgische Kollegen darüber fohlockten, einen problematischen Patienten geschickt in eine andere Fachabteilung transferiert zu haben. Dabei ging es in keiner Weise um das Wohl des Patienten, sondern allein um Arbeitsminimierung. Solche Vorkomnisse sind Tatsache und wer im Krankenhaus mit vielen Kollegen zusammen arbeitet, Kollegen die man aufgrund der Grösse des Hauses und der Fluktuation manchmal kaum kennt, der hat ähnliches erlebt.

Dass der drogenabhängige Patient seine Krankheit zumindest teilweise mit "verschuldet" hat dürfte Tatsache sein, wenn man auch den Anteil den die jeweilige Sozialisation oder "die Umstände" daran haben je nach persönlichen Überzeugungen unterschiedlich hoch gewichten mag. Eine Mitverantwortung des Patienten an seinem Handeln komplett abzustreiten und alles den Lebensumständen anzulasten würde wohl heissen, die menschliche Freiheit unterschiedliche Wege zu gehen, komplett zu verneinen.
Und der Kollege hat nicht gesagt, dass der Patient zu 100% die Verantwortung für seine Erkrankung trägt, noch dass er nicht behandelt werden sollte wie einige Kommentare hier fälschlicherweise nahelegen.
Berechtigte Kritik galt allein der "Nörgelei" und Beschwerde des Patienten, dem die Behandlung und Aufnahme nicht reibungslos genug ging. Kritik galt der dahinter stehende Anspruchshaltung, dass alles perfekt und nicht nur befriedigend oder ausreichend laufen muss, dass Therapie und Heilung nicht ausreichen, sondern auch der Aufnahmeprozess und die Organisation für den Patienten unmerklich, reibungslos und schnell abzulaufen haben.

Dieser Anspruchshaltung begegne ich auch regelmässig und ich finde sie durchaus kritikwürdig.
Beispiele aus meiner jüngsten Arbeit sind:
Der ca. 24-jährige Sohn einer Patientin, die in der Notaufnahme behandelt wird nachdem sie zu Hause irrtümlich die Haschkekse ihres Sohnes gegessen hatte und jetzt kotzt und jammert. Der Sohn, dem offensichtlich garnichts peinlich ist, kommt ungebeten in einen der Behandlungsräume, stört das Gespräch mit einem anderen kranken Patienten, weil es ihm nicht schnell genug geht und er wissen will, wann er denn seine kotzende Mutter endlich wieder mit nach Hause nehmen kann, weil ihm von der Warterei in der Aufnahme langweilig ist.
Die Tochter einer Infarktpatientin will mich sprechen - ich habe sie noch nie gesehen - sie läuf über die Station, stösst die angelehnte Tür zum Arztzimmer auf und stört das Gespräch mit dem Ehemann einer schwer erkrankten Patienten, die unter anderem an einer Halbseitenlähmung nach Schlaganfall leidet und die eine Patientenverfügung für derartige Fälle verfasst hat, die der Ehemann jetzt mit mir besprechen möchte. Darauf hingewiesen, dass sie das Gespräch stört, dass sie ungebeten und aufgefordert ins Arztzimmer kommt und dass sie sich an die Schwester wenden möchte kommentiert die Tochter mit einer Beschwerde über meinen Tonfall statt mit Einsicht.
Zu nennen wäre auch der Alkoholiker, der komatös eingeliefert wird, der eine kontinuerliche Überwachung der Herzkreislauf- und Atemparameter erhält um eine mögliche intoxikationsbedingte Apnoe rechtzeitig zu bemerken und der nach dem Erwachen herumschreit, dass man es durch die Betondecke hören kann, weil er JETZT SOFORT gehen will.
L.A. am Dienstag, 23. Oktober 2012, 15:36
Sind wir nicht alle "Opfer" ?
Alle Rechte für sich einfordern, aber keine Verantwortung für sich übernehmen wollen ! So hat keine Gesellschaft auf Dauer Bestand !
Nicht nur das Freiheits-Amerika, auch das Gutmenschen-Europa leidet an Widersprüchen !
Und ob unser Sozialstaat auf Dauer bezahlbar bleibt, das darf man bezweifeln.
normalerdoktor am Dienstag, 23. Oktober 2012, 15:22
Gedankenexperiment
Kleines Gedankenexperiment: Nehmen wir an, der Patient übersteht die Endokarditis. Und dann wird er Vater. Kommt ja vor.

Sie wissen was das heißt. Wieviel Kraft und Mühe es kostet, einem Kind den Weg ins Leben zu ebnen. Ist es nicht zu kalt? Wo ist das Mützchen? Was ist der richtige Kindergarten, die richtige Schule? Er quält sich so beim Klavierüben, er hasst es - sollen wir ihn trotzdem dazu anhalten? Er ist krank! Was hat er bloß? Wer bleibt Zuhause, geht mit ihm zum Kinderarzt?

Wie, stellen wir uns vor, wie soll dieser Vater, der ja nicht einmal für sich selbst sorgen kann, wie soll er seinem Kind den Weg ins Leben ebnen?

Und das Kind? Es wird älter. Irgendwie. In Verhältnissen, die die meisten von nur aus dem Fernsehen kennen. Was, wenn das Kind selbst eines Tages, in zwanzig Jahren vor Ihnen sitzt? Kein Kind mehr, ein junger Mann, drogenabhängig, verwahrlost, mit Spritzenabszessen und V.a. Endokarditis.

Wer hat dann die Schuld? Das Kind? Der Vater? Die Gesellschaft?
TurkundJD am Dienstag, 23. Oktober 2012, 10:44
sehe das ähnlich wie doc.nemo
Der Afrikaner der verhungert ist sicher auch selbst Schuld das er verhungert.
Nein die Probleme sind tatsächlich auf gesellschaftlicher Natur. Wo man aufwächst hat das einen Einfluss. Das Amerikanische Denken das jeder zu 100% selbst verantwortlich ist für sein Leben ist, etwas kurz gedacht. Aber ich habe mich gefreut das der Patient dann doch noch von einem Arzt behandelt wurde. Traurig wäre es gewesen wenn den keiner genommen hätte.
doc.nemo am Dienstag, 23. Oktober 2012, 10:39
Wen Gott liebt...
Dr. Petrulus scheint den ärztlichen American way of life problemlos adoptiert zu haben. Er lässt sich mit einem Wort umschreiben: Dollars. Wer keine Millionen verdient, den liebt Gott nicht. Deshalb sind die Ärmsten der Armen, die ihre paar Kröten nicht (rechtzeitig) in eine freiwillige Krankenversicherung stecken, auch selbst schuld an ihrem Schicksal. Irgend etwas haben sie verbrochen, dass Gott sie nicht liebt. Und wen Gott nicht liebt, den kann die wohlhabende Gesellschaft ruhig fallen lassen.
Kottan am Montag, 22. Oktober 2012, 23:36
Da beklagt sich einer ...
und fordert Respekt.

Selbst wirft der Herr dem Dr. P. vor, er wolle ihm einen Patienten unterschieben -
schiebt selbigen aber schnellstens zurück. Naja!

Doch dann wird es heikel. Da spricht einer, der sich Arzt nennt, davon, dass ein Drogenabhängiger sein Elend selbst verschuldet habe. Da tut der Herr Arzt so, als gebe es keine Psyche - und wenn er sie doch realisiert, so geht er wohl davon aus, dass es wirksame Therapien gegen Sucht gibt. (Erfolgsquote bei Therapien = maximal 65% - der Rest wird rückfällig - und die haben alle selbst Schuld).

Selbst hat sich der Herr Arzt wohl der inneren Medizin zugewendet.
Und wenn er denn Geld verdienen kann, kriecht er jedem in den Hintern -
auch dem, dessen Gier Ursache des letzten Herzinfarktes
oder dessen Eitelkeit (Sonnenbankgänger) Ursache des Hautkrebses war.

Menschen, die andere Menschen dermaßen diskriminieren, sollten beruflich besser Ein-Mann-Expeditionen führen.
regionnord am Montag, 22. Oktober 2012, 15:28
Ganz richtig, die Gesellschaft
Mit einer richtigen, kostenfrei, Ausbildung, wäre diesem jungen Mann geholfen. Ihm die Schuld zu geben ist einfach, sicherlich nimt er nicht drogen weil er intelligent ist und der den Geschmack der Drogen mag.

Ob er jemals Geld bezahlt für seine Drogen ist auch zweifelhaft, meist schuldet man das Geld für Drogen und bezahlt es anderweitig (Diebstahl etc).

Als Arzt sollte man sich jedoch Fragen, in welchem System man Arzt sein möchte. In einem System wo man wissentlich gegen den Patient handelt, da, wenn man für den Patienten handelt, gegen sich handelt. Kein System ist perfekt, und die gehobene Sicht wird wohl in jedem Land besser medizinisch versorgt, jedoch sollten auch mittellose Menschen den Anspruch auf eine gute basis Behandlung haben, auch wenn die Krankheit "selbstverschuldet" ist.
Andreas Skrziepietz am Montag, 22. Oktober 2012, 15:03
Niemand zwang ihn dazu, die staatlichen Entzugsprogramme nicht zu besuchen und stattdessen die Nadeln in seine Haut und Venen zu schieben.
Die Gesellschaft ist schuld :-)

Bookmark-Service:
182/296
Vom Arztdasein in Amerika
Frau Doktor
Börsebius
Britain-Brain-Blog
Das lange Warten
Dr. McCoy
Dr. werden ist nicht schwer...
Gesundheit
Gratwanderung
Lesefrüchtchen
Sea Watch 2
Pflegers Schach med.
PJane
Polarpsychiater
praxisnah
Praxistest
Res medica, res publica
Studierender Blick
Unterwegs