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Gesundheit – 10.10.2012

Herzinfarkt: Transparenz verändert Therapie

Die USA sind Pionier in der Transparenz medizinischer Leistungen. Medicare hat dort bereits 1987 die Mortalitätsstatistiken einzelner Kliniken zu Bypass-Operationen veröffentlicht. Im Jahr 1991 erstritt dann eine New Yorker Tageszeitung vor Gericht das Recht, Vergleichsdaten zur perkutanen koronaren Intervention (PCI) veröffentlichen zu dürfen. Auch in den US-Staaten Massachusetts und Pennsylvania sind heute solche Leistungsvergleiche möglich. Verbraucherverbände hoffen, dass die Konkurrenz unter den Kliniken die Behandlungsergebnisse insgesamt verbessert. Kritiker warnten dagegen vor negativen Folgen, wenn Kliniken begännen, schwer kranken Patienten eine PCI vorzuenthalten, um die gute „Statistik“ nicht zu gefährden.

Auf den ersten Blick scheint die Analyse von Medicare-Daten, die Karen Joynt von der Harvard School of Public Health in Boston durchgeführt hat, diese Befürchtung zu bestätigen. Tatsächlich erhalten in den drei „reporting“-Bundestaaten Herzinfarktpatienten zu 18 Prozent seltener eine PCI als in einigen benachbarten „non-reporting“-Bundestaaten Neuenglands.

Besonders krass war der Unterschied bei Patienten mit einem schweren STEMI-Infarkt (minus 27 Prozent) und bei Patienten im kardiogenen Schock (minus 21 Prozent). Dies könnte tatsächlich bedeuten, dass Kliniken ausgerechnet bei besonders schwer erkrankten Patienten ihrer Behandlungspflicht nicht nachkommen. Es könnte aber auch sein, dass sie heute häufiger in aussichtsloser Situation auf eine Therapie verzichten, die sie vor Einführung der „Hitlisten“ aus welchem Grund auch immer durchgeführt hätten. Die Ergebnisse von Joynt lassen beide Interpretationen zu.

Ein positives Zeichen ist, dass die Transparenz sich nicht negativ auf die Überlebenschancen ausgewirkt hat. Die 30-Tages-Mortalität aller Herzinfarktpatienten (die die Klinik erreicht haben) ist heute in den „reporting“-Bundestaaten nicht höher als in den „non-reporting“-Bundestaaten. Die Verringerung der PCI-Rate könnte die Kostenträger freuen, wäre da nicht die Tendenz der Kardiologen bei Patienten mit leichtem NSTEMI auf eine PCI zu verzichten und die Patienten lieber zum Herzchirurgen zu überweisen: Die Rate von Bypass-Operationen ist bei Patienten mit NSTEMI in Massachusetts um 27 Prozent höher als in den „non-reporting“-Bundestaaten.

Auf den medizinischen Fortschritt hatte die Transparenzinitiative übrigens keinen Einfluss. Die 30-Tages-Sterblichkeit am Herzinfarkt ist der Studie zufolge seit Anfang des Jahrhunderts in allen Patientengruppen (STEMI, NSTEMI, kardiogene Schock, hohes Alter) gesunken und zwar unabhängig davon, ob die Patienten in „reporting“- oder „non-reporting“-Bundestaaten behandelt wurden.


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